Willkommen in Deleuze‘ Jahrhundert, Mr. Trump

Ja, wie konnte das nur passieren? Trotz allen fact checkings, trotz der Enthüllungsvideos, der für alle sichtbaren Ausbrüche von Tobsucht, Hass und Sexismus auf Twitter, der ganzen Leitartikel und Kommentare, der mehr und auch mal minder durchdachten Argumente, der hübschen Meme und der Warnungen aus der Serie Die Simpsons? Hab ich etwas vergessen? Die Erklärungen sind reflexhaft und spielen das Spektrum üblicher Erklärungen ab: Trumps Wähler_innen sind stur, dumm, abgehängt, gegen das Establishment, arm, unausgebildet, unaufgeklärt, besorgt, verführt, belogen worden, in ihrer eigenen Filterbubble, wütende weiße Männer, arbeitslos, wählen Protest, sind nun für fünf Minuten in zorniger Wut glücklich, schneiden sich aber doch am Ende ins eigene Fleisch.

Kurz: Es sind genau die Erklärungen, die wir in eher wenigen Variationen seit Jahren kennen und die jedes Mal wiederholt werden, wenn rechte Kräfte irgendwo einen großen oder kleinen Sieg einfahren.

Aber für alle diese Erklärungen und die daraus abgeleiteten unzähligen Handlungsvorschläge ist mittlerweile unübersehbar, dass in den auf rationalen Diskurs setzenden Gesellschaften, den deliberativen Demokratien, kaum noch oder schon gar keine wirksamen Mittel mehr bereit stehen, um Wahlerfolge von „Irren(den)“ zu verhindern.¹ Eine „knappe Mehrheit der Vernünftigen“ gibt es nur in der Phantasie. Während gerade noch der Schock und die ersten Schuldzuweisungen durch den Blätterwald rauschen (natürlich liegt es an der political correctness und der intellektuellen Arroganz linker oder liberaler Eliten, woran sonst?), ist ab morgen mit ersten Analysen zu rechnen, die genau die Ambivalenz wiederholen, die all diesen Erklärungsmustern zugrunde liegt: die Bedeutung des Arguments hier, die postfaktische und (neo-/crypto-/proto-)faschistische Wählerschaft dort. Diese wurde über über die Folgen ihres Handelns nicht ausreichend aufgeklärt und muss folglich mehr und besser aufgeklärt werden. Das bisherige Scheitern dieser Aufklärung erklärt sich neuerdings aus der „postfaktischen“ Haltung dieser Wählerschaft: Wäre nur endlich das Argument überzeugend und zwingend genug, würde es endlich den postfaktischen Filterblasenschutzschirm aus FOX News und Intellektuellenfeindlichkeit, würden doch diese Leute einsehen, dass sie mit ihrem Hass gegen ihre eigenen Interessen handeln – womit sich „postfaktisch“ als eine Spielart der Erklärung „stur & dumm“ zeigt und analytisch genau gar nichts erreicht ist: Die Idee des rationalen Arguments bleibt unangefochten, es muss lediglich verbessert werden. Wir müssen wieder die Werte des Humanismus und der Aufklärung vermitteln! – Nebenbei bemerkt: „Fakten“ spielen in der politischen Theorie und im schulischen Gemeinschaftskundeunterricht eine Rolle, in der politischen Praxis not so much.

Wie wäre es, wenn wir einmal etwas anderes versuchten und diese Idee der Aufklärung durch rationale Argument, für deren Scheitern wir ein postfaktisches Phantom verantwortlich machen, aufgeben, und denen, die für Brexit, Orban, Trumpf & Co. stimmen, völliges Bewusstsein zuschreiben. Vielleicht scheitert die Aufklärung genau deshalb, weil sie diese über etwas aufklären wollen, was diese längst wissen? Ist dies nicht genau das Rätsel des Faschismus?

Nein, die Massen sind nicht getäuscht worden, sie haben den Faschismus gewünscht – und das heißt es zu erklären… [Deleuze&Guattari: Anti-Ödipus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977 (=Kapitalismus und Schizophrenie, Band 1), S. 331.]

Diese Menschen täuschen sich nicht. Auch die Deutschen täuschten sich damals nicht – von ein paar Deppen, die „Bescheid wussten“, vielleicht einmal abgesehen. Niemand wird ein Faschist, weil er sich über Ziele der Faschisten täuscht. Und diese Menschen werden nicht getäuscht. Worüber sollte Trump sie getäuscht haben? Hat er nicht genug irre Forderungen aufgestellt? Würden diese Forderungen weniger irre, wenn er noch verrücktere aufstellen würde? Jede Täuschung verlangt, dass etwas durch sie verborgen wird (und sei es eine Leere). Trump hat gesagt, dass er Ziele verfolge, die offenkundig den Interessen der Massen (auch der weißen Unter- und Mittelschicht) zuwider laufen. Wollen wir das bitte zur Kenntnis nehmen und nicht weiter so tun als sei der (zweifelsohne vorhandene) Sexismus so stark, dass der Verlust der Krankenversicherung billigend in Kauf genommen würde?

Die Frage scheint also erneut lauten zu müssen: Wieso wünschen diese Leute gegen ihre eigenen (ökonomischen, sozialen, kulturellen, …) Interessen? Was wünschen Sie? Worauf richtet sich ihr désir? Die Antwort kennen wir aber, auch wenn wir es nicht gerne zugeben: Sie wünschen sich den Faschismus, diese „Linie der reinen Zerstörung“ [Deleuze&Guattari: Tausend Plateaus, Berlin: Merve 1992 (=Kapitalismus und Schizophrenie, Band 2), S. 701]. Das ist zu erklären: Woher kommt die Lust am Chaos, an der Zerstörung, an der Katastrophe? Deleuze und Guattari haben sich an einer Erklärung versucht, die ohne die Phantome der Verführung, der Dummheit und der Lüge auskommt. Vielleicht ist die Zeit für deren Neuentdeckung gekommen.

Ironisch bemerkte Foucault einmal, dass „das Jahrhundert einmal deleuzianisch“ genannt würde. Er meinte das 20. Jahrhundert, aber vielleicht gibt es noch mehr Gründe, diesen Namen für das 21. Jahrhundert zu reservieren. Hoffentlich nicht: Es wären sehr schlechte Nachrichten.

 

¹ Ja, ich schreibe „irr“. Das ist nicht ableistisch. Es wäre ableistisch, dieses Wort für Menschen mit bestimmten neurologischen und/oder psychiatrischen Eigenschaften oder Herausforderungen zu reservieren. Dazu schreibe ich ein anderes Mal etwas.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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