Fakten sind nackt. Sie sind keine Ideen

Der kindliche Glaube an die Macht des Fakts (des wahren Sachverhalts) ist tief in dem verwurzelt, was wir ‚Denken‘ und ‚Vernunft‘ nennen. Kritik daran wird gerne mit dem Vorwurf beantwortet, man verabschiede sich in den Bereich jenseits der Fakten und in die Paranoia oder gar in die Irrationalität. Umgekehrt hat es nicht wenige überaus vernünftige Versuche gegeben, das gesamte menschliche Wissen inklusive der Mathematik und der Philosophie logisch auf Protokollsätze, die gewissermaßen die primitivste Repräsentation eines Faktums sind, zurückzuführen. Diese Versuche scheiterten allesamt und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Neben der grotesken Komplexität einer solchen ‚logischen Modellierung‘ und deren zahlreichen Uneindeutigkeit bei der Wahl der niedrigsten (atomaren, nicht weiter analysierbaren etc.) Begriffe, ist insbesondere das Induktionsproblem zu nennen: Es ist unmöglich, logisch zwingend von einer noch so großen Zahl von Protokollsätzen zu einer allgemeinen Regel zu gelangen. Die falsifikationistische ‚Lösung‘, die Theorien zum Gegenstand eines geschickten Ratens zu machen, dann aber von ihnen die Bewährung zu verlangen (eine Theorie ist solange nicht widerlegt, wie sie mit allen Protokollsätzen verträglich ist), ist bekannt. Schon etwas weniger bekannt, sind die zahlreichen Probleme, die sich noch immer an diese ‚Lösung‘ anschließen: fehlende Robustheit und Fehler bei der Ermittlung von Protokollsätzen, ad-hoc-Argumente, Kriterien zum ‚Raten‘ der passenden Theorien, konkurrierende Theorien über verschiedene Bereiche von Protokollsätzen, … und natürlich das Subsumtionsproblem: Die Interpretation der in den Sätzen der Theorie vorkommenden Gegenstände als Gegenstände der Protokollsätze (sofern wir das parallele Problem beim Bezug der Gegenstände der Protokollsätze zu den Gegenständen des Handlungsfeldes einmal übersehen wollen).

Es scheint, dass die Ebene der Theorie und die Ebene der Fakten nicht streng logisch verbindbar ist – weder vom Konkreten zum Allgemeinen hin, noch umgekehrt vom Allgemeinen zum Konkreten. In der einen Richtung erhalten wir nur Wahrscheinlichkeiten (was sich ebenfalls modellieren lässt und auch zahlreiche Probleme nach sich zieht). Und in der anderen Richtung haben wir einen Auslegungsregress, da wir offenbar Regeln brauchen, um die Anwendung von Regeln anzuleiten: Es wäre im schlechten Sinne metaphysisch eine dem Empirischen entzogene Menge von Auslegungsregeln für Sätze von Theorien zu postulieren. Das hier angedeutete Problem des Regelfolgens, das auch für die Subsumtion einschlägig ist, geht noch über die hier gemachten Andeutungen hinaus, etwa was die eindeutige Kommunikation über Regeln angeht. Man braucht keine poststrukturalistische oder postmoderne Philosophie, um diese Probleme zu entdecken. Die analytische Philosophie reicht völlig aus.

Für die Themen, die uns dieser Tage, in denen sich die Fratze des Faschismus erneut zeigt, besonders interessieren, steckt hier eine Erkenntnis: Es wurde vorgeschlagen, man solle dem Populismus der Rechten, die man sich noch immer nicht Faschisten zu nennen traut, mit Fakten und kühler Sachlichkeit entgegnen. Dass die Widerlegung der postfaktischen Unwahrheit scheitert, da es sich um ‚Parolen‘ handelt, hatte ich schon untersucht. Umgekehrt stellt sich die Frage, was mit der Konzentration auf Fakten, wenn schon nicht gegen die anderen, doch für die eigene Sache gewonnen ist. Welche positive Alternative wird den Faschisten entgegengestellt?

Wie aus der Versammlung von Protokollsätzen keine wissenschaftliche Theorie folgt, so wenig folgt aus der Versammlung von Fakten (über das Sozialsystem, über die Flüchtlingspolitik, über die Renten- und Arbeitsmarkt, über die Wirtschafts- oder Familienpolitik) irgendetwas über Möglichkeiten und Ziele. Fakten per se sind nackt. Sie sind Gegenstand von Interpretationen und bar jeden Ziels. Ich erinnere mich an eine Talkshow, die schon etwas zurückliegt, in der die Bedeutung des Schutzes bedrohter Tierarten und deren Verhältnis zu wirtschaftlichen Interessen verhandelt wurden. Ein Diskutant vom Typ ‚neoliberaler Yuppie‘, die damals noch völlig unironisch auftreten konnten, warf der empörten Runde entgegen: „Die Frage ist doch eigentlich, wie viel Biodiversität wir brauchen!“ Es geht weniger um die möglichen mehr oder weniger klugen Antworten auf diesen Einwurf, sondern um die Empörung, von einem solchen Beitrag so kalt erwischt worden zu sein: Selbst aus der eindeutigsten Feststellung, irgendeine Maßnahme führe sicher zum Aussterben irgendeiner Spezies, folgt ohne Weiteres nicht, dass das Aussterben der Spezies verhindert werden sollte. (Das Problem des Bestandserhalts für Pockenviren.)

Es ist offenbar: Fakten (und seien sie noch so eindeutig) liefern ohne Weiteres keine Ziele. Wieso sollten wir Altersarmut bekämpfen? Ist dem eher formalen Sozialstaatsprinzip nicht durch die Grundsicherung bereits Genüge getan? Nein, wieso nicht? Wo steht das? Ist es eine verfassungsrechtliche Vorgabe? Wenn ja, wieso klagen betroffene nicht in Karlsruhe? Oder ist es Deine politische Position? Aber woher kommt sie dann? (Jede, die jetzt ‚Menschenwürde‘ gedacht hat, schreibt jetzt bitte vier Seiten den Satz: „Ich soll dasselbe Problem nicht mit anderen Worten noch einmal aussprechen und mir einbilden, irgendetwas sinnvolles gesagt zu haben.“) Genauso stellt sich das Problem für die Sätze, man sollte Altersarmut gar nicht bekämpfen. Für den Satz, dass es gar keine Altersarmut gäbe, gilt das über ‚Parolen‘ Gesagte. Was die Rede von der Sachlichkeit und den Fakten ausblendet, ist der Bedarf an (politischen) Ideen.

Ideen gehen noch einen Schritt weiter als die Bildung von Theorien, das Problem ist aber verwandt: Fakten bringen keine Theorie hervor, weil sie keine Interpretationen vorgeben. Regeln legen Handlungen nicht fest, wenn es nicht weitere Regeln gibt, die die Regeln auslegen (ein Regress, der nur durch eine gewisse Willkür zum Ende kommt). Und Interpretationen geben keine Ziele vor, an denen Handlungszwecke ausgerichtet werden können. (Das immer ein ‚weiteres‘ fehlt, ist Folge einer bestimmten Struktur unserer Begriffsvorstellung, über die ich ein anderes Mal schreiben muss.) Es muss etwa hinzukommen, das die Handlungszwecke ausrichtet, Ziele markiert, Interpretationen auswählt, das Ende des Regresses setzt. Man kann es meinetwegen eine (hier: politische) Vision nennen, auch wenn dieser Begriff unpräzise ist, da er wieder nicht weit genug geht und das ‚Ende‘ nicht markieren kann – zumal die Diagnose, diese oder jene Bewegung lasse ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Vision vermissen, nicht zu deren Ende beigetragen hat. Man spricht gerne von ‚Sammlungsbewegungen‘ und überredet sich, diese müssten letztlich doch irgendein gemeinsames Ziel haben, da man sich nicht vorstellen mag, eine Bewegung könnte ohne eine solche auskommen. (Daher auch die Fiktion, dass jede noch so heterogene Gruppe eine homogene Agenda haben müsse.) Hier liegt ein tückischer Moment, der leicht mit einem Argument gegen meine Position verwechselt werden könnte: Ich sage nicht, dass es nicht wahrscheinlich ist, dass eine heterogene Bewegung ein gemeinsames Ziel findet. Der Punkt ist, dass wir uns nicht einbilden sollten, das Ziel sei, auch wenn es erst später formuliert wurde, schon immer versteckt gewesen und trete nun erst an die Oberfläche. Ziele können ‚neu‘ sein, die Gruppen, die sich ihnen verschreiben, aber alt.

Wie soll der gemeinsame ‚Punkt‘ beschrieben werden? Man könnte vielleicht von Resonanz sprechen: Der ‚Punkt‘ markiert eine imaginäre Stelle, auf die alles hinaus läuft. Er markiert das Ideal einer gemeinsamen Resonanz, die zu einer verteilten Entsprechung führt. Man darf diesen Punkt nicht mit einer gemeinsamen, einheitlichen, eindeutigen Meinung oder Weltsicht verwechseln. Er ist eher eine Idee, ein regulatives Moment. Der Faschismus gewinnt seine Macht aus der Resonanz von Vernichtungsideen, die Interpretationen ausrichten und Handlungen anleiten, ohne alles einem Verwaltungsapparat unterstellen zu müssen. Faschismus und Dezentralität sind gut miteinander verträglich. „Man muss dem Führer entgegen arbeiten“, ist nicht ohne Grund ein(!) Credo des Nationalsozialismus gewesen. Auch für die AfD geht es mehr als um nur einen Flirt mit Vernichtungsphantasien auf glitschigen Computermäusen. Die immer eindeutigeren Referenzen der AfD auf nationalsozialistische Politikvorstellungen, etwa in Form der deutschen Frau als Gebärmaschine mit Verfassungsrang, sind weder fehlendes Gespür, noch Zufall. Sie müssen aber noch nicht einmal Absicht sein, auch wenn es aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sich die AfD in den letzten Jahren radikalisiert hat, geplant sein könnte. Es reicht aus, dass die vielen kleinen faschistischen Ideen miteinander in Resonanz geraten, um den großen Faschismus wieder zu erwecken.

Gemeinsame Resonanz ist kein Zeichen faschistischer Politik. Gemeinsame Resonanz kann auch Teil einer emanzipatorischen Politik sein. Sie muss es sein, wenn die Linke dem Faschismus etwas entgegen setzen will.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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