Erziehung zum altersgerechten Hass

Kennt Ihr schon die neuste wissenschaftliche Methode von ganz rechts außen? Natürlich tut Ihr das: mit den „alternativen Fakten“ kommt die „alternative Wissenschaft“ – da nämlich zu wenig ernsthafte Wissenschaftler_innen bei den grotesken Lügen der „Demo für alle“ mitmachen wollten, man also in den seriösen Institutionen der Wissenschaft mit dem nur mühsam verkleideten Hass nicht nachhaltig punkten konnte, musste man sich ein eigenes Symposium veranstalten. Nun ist die Methode, sich einfach eine eigene Institution zu basteln, damit man von Kritik nicht gestört wird, weil sowieso alle anderen doof… böse… pervers… gekauft… fremdgesteuert… moralisch verkommen… was auch immer sind, bekanntlich die wissenschaftlichste Methode schlechthin, also „schlechthin“ in der Faschosphére und angrenzenden rechten Paralleluniversen. Zur Reinhaltung der eigenen „wissenschaftlichen“ Position, also zur Abschirmung vor Kritik, ist es offenbar erforderlich, auch jenseits des „Sexualpädagogik-Symposiums“, das die rechtsextreme Bewegung „Demo für alle“ letztes Wochenende in Wiesbaden unter dem Deckmantel einer „wissenschaftlichen“ Auseinandersetzung inszeniert hat, jede Form von Kritik auf Facebook schnellstmöglich zu löschen. Da ich mich bisher zu wenig über deren pseudowissenschaftlichen Mist geäußert habe, dokumentiere ich nun meinen dortigen Kommentar, bevor er noch gelöscht wird, um den Untergang des Abendlands zu verhindern:¹

Als zur Wissenschaftstheorie forschender und gelegentlich lehrender Philosoph sei mir der Hinweis gestattet, dass Sie mit dieser Auffassung von „Wissenschaft“ bei mir keinen Schein kriegen würden. Etwas ist Wissenschaft, wenn es sich systematisch nach an Untersuchungsgegenständen methodisch gemachten Beobachtungen selbst korrigiert. Wenn es darum geht, die eigene Menschenfeindlichkeit in hübsche Sätze zu verpacken, ist es keine Wissenschaft. Zeigen Sie mir doch mal einen Fall, in dem Sie eine gegen lgbtiq-Menschen gerichtete Aussage aufgrund einer methodisch gemachten Beobachtung an lgbtiq-Menschen zu deren Gunsten revidiert haben. Was sind Ihre Methoden? Was sind Ihre Beweisstandards? Wo setzen Sie sich systematisch, methodisch und argumentativ mit Positionen auseinander, die nicht die Ihren sind? Wo ist auch nur das kleinste öffentliche „Darin haben wir uns geirrt!“? Wo ist überhaupt irgendeine „Hypothese“, die Sie erst angenommen und dann aufgegeben haben? Sie betreiben keine Wissenschaft, sondern Sie haben alles „von Anfang an“ gewusst und versuchen nun einem Cargo-Cult ähnlich Ihrer irrationalen Abneigung gegen Menschen, die nicht so sind wie Sie, ein seriöses Äußeres zu geben. Es ist aber „Wissen-schaft“, nicht „Recht-haben-wollen“. Und da ich weiß, dass auch Kollegen meines Fachs bei Ihnen herumspringen, sei ergänzt: Es ist „Philo-sophie“, nicht „Philo-doxie“ und schon gar nicht „Ortho-doxie“.

¹ Ich konnte quasi live dabei zusehen, wie Kommentare gelöscht wurden. Die Behauptungen, dass „Unbelehrbare“ (vermutlich: lgbtiq-Menschen) durch „moralischen Verfall“ „über 70 Hochkulturen“ durch „noch nie so viel []poppe[n], verhüte[n] und ab[trei]ben“ garniert mit „verharmlosender Demagogie“ zum „EXIT“[sic] getrieben hätten, während die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ein einem „päderastischen Milieu[]“ von „schwülen“ „Sexphantasien“ („Ein übles Milieu von dem sich Menschen distanzieren, die der Wissenschaft offen gegenüberstehen und die sich nicht erkenntnisresistent zeigen.“[sic]) basiere, sind freilich so hochwissenschaftlich, dass sie wohl stehenbleiben werden.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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