Deutscher Hochschulverband goes AfD?

Der Deutsche Hochschulverband hat eine Resolution zur Streit- und Debattenkultur an deutschen Universitäten verabschiedet. Es geht, wenig überraschend, um die „Political Correctness“. Man ist besorgt, dass die freie Welt der Debatten- und Streitkultur an den Universitäten erodiert, weiß aber glücklicherweise genau, wer daran Schuld hat: Es ist das Streben nach Toleranz, das auf die Forderung nach „Political Correctness“ hinausläuft. Wissenschaftlich, wie man es von einem Hochschulverband erwarten darf, gönnt uns die Pressemitteilung des Hochschulverbands zunächst keine Definition, sondern beschränkt sich auf das bekannte Geheul gewisser rechter Parteien: Sicher sei das Anliegen, einen sensiblen Umgang mit Minderheiten zu pflegen, berechtigt, erklärt man uns, bevor man aber das Wasser nicht mehr halten kann und das Lieblingswort aller neuen Rechten in den Mund nimmt: „Tugendterror“, der es nämlich sei, in dem abweichende wissenschaftliche Meinungen als unmoralisch stigmatisiert würden, womit jede konstruktive Auseinandersetzung bereits im Keim erstickt werde, was zu Feigheit und Anbiederung führe. – Das jenseits von Feigheit und Anbiederung der Mut zur Wahrheit liegt, sei hier nur als Korollar notiert. – Entsprechend sind auch die Studierenden als Schuldige auszumachen, die im Land des großen Sittenverfalls – den USA nämlich – eine „Deutungshoheit für vermeintlich politisch korrekte Lehrinhalte“ reklamierten. Diese Studierenden dürfen, so viel ist wohl klar, nicht als Studierende bezeichnet werden. Die, die sich gegen den hier wie dort an den Universitäten grassierenden (Hetero-)Sexismus wehren, sind, so stellt die Pressemitteilung klar, „studentische Aktivisten“. Damit niemand auf die Idee kommt, der Wunsch von Studierenden, an den Universitäten respektiert zu werden, brauche uns in unserer Komfortzone nicht zu stören, da es ja bloß ein amerikanisches Phänomen sei, informiert uns der Hochschulverband sicherheitshalber, dass es bereits erste Anzeichen auch hierzulande gäbe und damit wir nicht vergessen, in welcher Gefahr die deutschen Universitäten schweben, sind diese Anzeichen: „alarmierend“. Und alarmierend sind diese Anzeichen tatsächlich, denn schließlich würden Wissenschaftler durch Proteste gehindert, in Universitäten aufzutreten und ihre wissenschaftlichen Thesen vorzutragen, so erklärt man uns, und zwar lediglich da sie einer „Political Correctness“ zuwider liefen. Nun muss freilich klargestellt werden, dass das berechtigte Anliegen, an den Universitäten respektiert zu werden, durch die „studentischen Aktivisten“ „in das Gegenteil“ verkehrt würde, denn diese „Political Correctness“ ist: „selbst definiert“. Dies ist in der Tat ein grauenhafter Vorwurf, der klarmacht, warum die „Political Correctness“ bereits von vornherein keinerlei Kredit besitzt, denn schließlich ist nichts schlimmer als eine selbst gemachte Definition. Bekanntlich dürfen nur natürliche Definitionen, wie man sie etwa wohl in Bergwerken findet, neben den Definitionen, die man der Tradition entnimmt, also artig und mit Quellennachweis wiederholt, anerkannt werden. Man mag sich nicht ausdenken, was mit der „Universität als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“ geschehen würde, wenn diese nicht „ein Ort des freien und offenen Meinungsaustausch“ bliebe, sondern durch „studentische Aktivisten“ und ihren „selbst definierten“ Vorstellungen mit „Denk- und Sprechverboten“ durchsetzt würden. Entsprechend, so erfahren wir, dürfte es für Studierende keine „geistigen oder ideologischen Komfortzonen“ an den Universitäten geben, denn schließlich verlange das „kritische Denken, das an der Universität gelehrt und eingeübt wird, … die Fähigkeit zur Selbstkritik“. Wer eine Universität betrete, müsse bereit sein, so heißt es weiter, „mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die dem persönlichen Weltbild zuwiderlaufen, und in der Lage sein, sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen“. Es ist erfreulich, dass der Deutsche Hochschulverband so deutlich darstellt, dass all dies auch grammatikalisch nur für Studierende gilt, die offenbar nur dann Studierende sind, wenn sie die Herren und Damen Professorinnen und Professoren nicht in ihrer geistigen oder ideologischen Komfortzone stören, sondern akzeptieren, dass die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden nur dann ein Ort des freien und offenen Meinungsaustausch sein kann, wenn diese artig die Klappe halten und nicht an den Definitionen jener zweifeln. Schließlich gilt: „Die Antwort auf die einseitige, pointierte, vielleicht auch verzerrende Rede ist nicht das Ende der Debatte, sondern die angemessene Gegenrede“, was aber als angemessene Gegenrede durchgeht und was zu Denk- und Sprechverboten, zu Tugendterror, zur Stigmatisierung (der Professorinnen und Professoren, denn um die Stigmatisierung irgendwelcher Minderheiten geht es hier ja nicht!), zur Feigheit und zur Anbiederung führt, das dürfen freilich nicht die „studentischen Aktivisten“ selbst definieren. Es wäre wahrlich ein alarmierendes Anzeichen, wenn nicht mehr Professorinnen und Professoren entscheiden dürfen, was andere erträglich zu finden haben.
Ich weiß nicht, was den Ausschlag gab, eine derartige Resolution zu verabschieden. Waren es vielleicht die Proteste, in denen „studentische Aktivisten“ den bestimmt hochwissenschaftlichen Beitrag eines rechtsradikalen Apparatebauers verhinderten, der von bekannten gewaltbereiten Rechtsextremisten begleitet seine sicher einer sachlichen Auseinandersetzung auf jede Weise würdigen Thesen aus seinem Fachgebiet – der Genderforschung nämlich – dem freien und offenen Meinungsaustausch zuführen wollte? Zeugt es von Tugendterror studentischer Aktivisten, wenn sie Formulierungen wie „Linksextreme Lumpen sollen und müssen von deutschen Hochschulen verbannt und statt eines Studienplatzes lieber praktische Arbeit zugeführt werden. … Nehmen Sie die linksextreme Bedrohung ernst und beteiligen Sie sich an allen möglichen Maßnahmen, um diese Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden.“ an ihrer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden verhindern wollen? Zeugt es von Charakterschwäche, wenn Minderheiten, die sich mühsam ihre Rechte erkämpfen mussten, derartige „konkurrierende Meinungen“ nicht respektieren und aushalten wollen? Zeugt es von Linksextremismus, wenn Studierende, pardon: „studentische Aktivisten“ sich hier solidarisch erklären? Oder zeugt es von einer Störung des moralischen Kompasses und zwar nicht auf Seiten der Studierenden?
Wie sollen wir hierauf antworten? Glücklicherweise weiß der Hochschulverband Rat und lässt uns durch seinen Präsidenten wissen: „Differenzen, die zu Andersdenkenden bestehen, sind im argumentativen Streit auszutragen.“ Was könnte uns helfen, die Differenzen, die wir hier empfinden, in einem argumentativen Streit auszutragen? – Wie so oft reicht es aus, ein bisschen genauer zu lesen, was der Gegner so schreibt oder über sich schreiben lässt: Blicken wir nämlich nicht in die Pressemitteilung auf der Webseite des Deutschen Hochschulverbandes, sondern in die Darstellung der Resolution auf academics.de, die der aktuellen Ausgabe der Haus-Zeitschrift „Forschung & Lehre“ des Hochschulverbandes entnommen wurde und dem Hochschulverband eine Autorenschaft attribuiert, so finden wir unter Punkt 2, der mit „‚Political Correctness‘ und Konformitätszwang“ überschrieben ist, eine Beschreibung der „Political Correctness“ aus dem Duden zitiert: Diese sei, so definiert also der Duden, eine Einstellung, „die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“. Freilich ist das nichts, dem irgendein wohlmeinender Mensch widersprechen würde, und so muss gleich klargestellt werden, dass sich diese Haltung größtenteils und in gleicher Weise aus ethischen, rechtlichen und religiösen „Wurzeln“ herleiten lasse, die überdies älter seien als die „Political Correctness“. Diese ist also anscheinend nur eine billige Kopie der weitaus älteren Quellen für anständiges Benehmen und die immense Toleranz gegenüber Frauen oder sexuellen Minderheiten seitens des Rechts oder der Religion sind offenbar so bekannt, dass sie dem Hochschulverband keines Kommentars wert sind. Die „Political Correctness“ lässt sich also mithilfe des Dudens definieren, der sie eine „Haltung“ nennt, wobei es in meiner Ausgabe des Duden heißt: „von einer bestimmten Öffentlichkeit als wichtig eingestufte Gesinnung, Haltung (die zum Ziel hat, alles zu vermeiden, was andere als diskriminierend empfinden könnten)“. Nun mag es verschiedene Auflagen des Dudens geben, nur leider gönnt uns der Deutsche Hochschulverband nicht den Luxus eines Quellennachweises. Das tut aber nichts zur Sache: Denn nachdem nachgewiesen wurde, dass es sich um eine Haltung handelt, die sich „in gleicher Weise“ aus weitaus älteren Quellen herleiten lässt, muss schnell ein Problem her, um den „studentischen Aktivisten“ ihre „selbst definierte ‚Political Correctness‘“ vorzuhalten: „In der Annahme einer engen Verbindung von Sprache, Denken und Handeln propagieren meinungsstarke Gruppierungen Sprachreglementierungen, mit denen der Gebrauch bestimmter Worte und Redewendungen geächtet und ‚Political Correctness‘ als Vehikel für die Durchsetzung politischer Interessen genutzt werden soll.“ – Übergehen wir die spannende Frage, wer wohl diese meinungsstarken Gruppierungen sein mögen, da sie doch offensichtlich nicht mit den Studierenden zusammenfallen und mindestens die Bösartigkeit der virulenten Homolobby erreichen dürften. Übersehen wir großzügig die Bemerkung, der Zusammenhang von Sprache und Denken beziehungsweise Denken und Handeln, sei bloß eine Annahme. Lassen wir auch das Faszinosum beiseite, dass die „studentischen Aktivisten“ die „Political Correctness“ selbst definiert haben, was ihr jede Legitimation entzieht, während der Duden sie als eine Haltung definiert, die irgendwie mit einer bestimmten Öffentlichkeit zu tun hat, während sie „in gleicher Weise“ sowieso viel älter sei, weswegen die Studierenden sowieso keinerlei Anspruch auf das haben, was sie selbst definiert haben. Es liegt aber wohl auf der Hand, was der Deutsche Hochschulverband mit der Sprachreglementierung und dem Ächten bestimmter Wörter und Redewendungen meint. Es ist tatsächlich an der Zeit, diese linksextreme Bedrohung ernst zu nehmen, den Tugendterror studentischer Aktivisten zu beenden und diese praktischer Arbeit zuzuführen, um diese Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden. Schließlich wollen wir doch niemanden in seiner ideologischen Komfortzone stören. Und Wucherung, das sind doch sowieso immer die anderen.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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