Vor großen Fragen wird gewarnt…

Ich habe mir erzählen lassen, dass die Philosophie außerhalb der Elfenbeintürme gerade eine Renaissance erlebe, da es wieder eine Lust auf große Fragen gebe und es schließlich die Philosoph*innen seien, die hier Antworten wüssten, die man nicht mal eben googlen könnte. – Stellen wir dazu eine mittelgroße Frage: Ist das ein Problem?

Die Antwort lautet: Ja.

Die großen Fragen sind ein Problem, weil sich Probleme immer auf eine bestimmte Weise stellen. Und es sind immer die Fragen, die fundamental sind und deren Antworten nur trivial oder radikal sein können. Sie sind fundamental, weil sie, wenn man sie ernst nimmt, grundsätzliche Fragestellung danach berühren, wie wir unser Leben, unser Gemeinwesen, unsere Institutionen etc., also überhaupt die ganze Macht organisieren wollen. Nehmen wir beispielsweise die Frage nach der Gerechtigkeit, die sich nicht ernsthaft stellen lässt, ohne unser ganzes System von Eigentum mit all seinen Facetten in Frage zu stellen. „In Frage stellen“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Es geht nicht darum, dass die Frage nur gestellt werden kann, indem das, was „in Frage gestellt“ wird, verworfen wird. Es geht darum, dass die ernsthaft gestellte Frage allem, was sie „in Frage stellt“ einen Moment der Offenheit, der Kontingenz zumutet, so dass die Antwort auch lauten kann, dass die Anarchist*innen, die jedes Eigentum von vornherein als Diebstahl abgelehnt haben, schon immer Recht hatten – und es kann eben auch bedeuten, dass die Anarchist*innen, die jede Besteuerung für Diebstahl und das Eigentum für das einzige Naturrecht halten, schon immer Recht hatten. Die Frage, so sie ernsthaft gestellt ist, reißt einen Raum der Antwort auf, die auch radikal sein kann, sein können muss. Es ist klar, dass in einem geordneten demokratischen Gemeinwesen bestimmte radikale Positionen von vornherein nicht in Frage kommen können. Sie müssen von vornherein ausgeschlossen werden. Wir dürfen die Gerechtigkeit diskutieren, aber alles Eigentum in Volkseigentum überführen zu wollen, das ist vorab fein säuberlich ausgeschlossen. Das Ergebnis ist eine sozialdemokratische Philosophie – als ob die sozialdemokratische Politik, die vorauseilendes Umfallen mit „staatstragenden“ Kompromissen zu verwechseln pflegt, nicht schon genug Schaden angerichtet hätte…

Die große Frage ist von vornherein vergiftet, wenn die möglichen Antworten bereits vorstrukturiert sind. Es ist gerade die Pointe an den großen Fragen, dass sie nicht vorstrukturiert und vorstrukturierend sein dürfen. Als solche sind die höchstens mittelgroße Fragen. Und das legt die möglichen Antworten auf „radikale“ und „triviale“ Antworten fest: Die radikalen werden ausgeschlossen, damit die Ordnung nicht Frage gestellt wird. Die trivialen Antworten sind erlaubt, die die Ordnung, also die bestehenden und daher stets vernünftigen Verhältnisse, jederzeit bestätigen und wieder errichten.

Wenn sich die Philosophie auf dieses Spiel einlässt, die Fragen also „ordentlich“ beantwortet und eben nicht „radikal“, stellt sie sich in den Dienst der geordneten Verhältnisse. Damit leiht sie dem status quo etwas von ihrer Legitimation. Das kann man machen, klar, sollte aber nicht so tun, als hätte man sich nicht der doxa unterworfen. Und man sollte sich nicht wundern, wenn die Renaissance ein kurzer Hype ist, der endet, sobald das Publikum die Antworten wieder langweilig findet. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass man die großen, fundamentalen Fragen damit denen überlässt, die sich gerne aus politischen und nicht aus philosophischen Gründen radikal geben.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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