Kleiner Nachtrag zum Denken

Auf Boing Boing fand ich ein schönes Beispiel für verschiedene Denkarten. Ich will zwar nicht unterstellen, dass die Trennung von intuitivem und analytischem Denken, die die Autoren vornehmen, meiner Unterscheidung, die ich hier gemacht habe, entspricht, aber vielleicht ist es dem ein oder anderen hinreichend ähnlich, dass sie es als empirisch messbares Beispiel für die Unterscheidung nehmen, die ungefähres Denken dem gesunden Menschenverstand zugeordnet hat.

Es ist mir aber wichtig, nochmal zu betonen, dass der gesunde Menschenverstand keineswegs defizitär ist. Ich habe in Diskussionen zu meinem Blogpost, nicht nur hier, sondern auch im IRC oder auf Google+ gelegentlich Leute getroffen, die sich selbst für besonders rational erklärt haben, um dem gesunden Menschenverstand, so wie ich ihn dargestellt habe, fehlerhaftes Denken zu unterstellen und mich dann für die gewählte Bezeichnung zu kritisieren. In so einer Position stecken natürlich drei Fails: Erstens ist es ziemlich schräg, sich selbst für besonders rational/analytisch zu erklären, da jeder sich für den rationalsten Menschen der Welt hält. Daher stammt ja auch der Witz, dass der Verstand die am besten verteilte Sache der Welt sei, da ja jeder genug davon habe. Zweitens wird übersehen, dass der gesunde Menschenverstand notwendig bei allerhand Tätigkeiten am Werk sein muss. Ich will denjenigen sehen, der sich mittels rationaler Erwägungen im Peer-Review den Hintern erfolgreich abwischen kann. Drittens wird unterstellt, dass das Denken der Wahrheit zuneige und, wenn es das nicht tue, es eben falsch sei. Dieses Bild des Denkens ist sehr dominant, weil es uns spätestens seit Kant eingetrichtert wurde und die Wahrheit in der Wissenschaft eine normativ-approximative Rolle spielt. Allerdings ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Denken notwendig mit der Wahrheit im Bunde steht. Tatsächlich ist das Denken viel pragmatischer: Es operiert weniger über die Wahrheit, sondern eher über den Erfolg des Funktionierens. Mich erstaunt es immer wieder, wie sehr beispielsweise manche Programmierer und Informatiker daran festhalten, wo doch die meisten nicht mittels formaler Verifikation Programme schreiben, sondern dies eher durch eine Mischung aus Geschick und Debugging erledigen. Aber die Geschichte, warum die Wahrheit weder notwendig, noch hilfreich für die Beschreibung des Denkens ist, ist ein weites Thema und wird vielleicht ein anderes mal gebloggt.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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