Schreibkraft und Greifkraft

Manchmal kommt es ganz dicke: Ich habe mir Anfang Juni die rechte Hand bei einem Sturz mit dem Fahrrad gebrochen. Ich war gerade auf dem Weg in die Bibliothek, schwer beladen, stellte mich verdammt ungeschickt an und lag schließlich im Herrngarten (Darmstadt) in einem Rhododendron. Meine rechte Hand hatte im Stil eines Karatemeisters das Holz des Rhododendron geteilt, damit allerdings eine lose-lose-Situation geschaffen: Spiralfraktur MHK 5 rechts, Basisfraktur am zweiten Fingerglied D5, ebenfalls rechts natürlich. Das Fingermittelgelenk war dabei am stärksten beschädigt.

Die Hand wurde erst ruhig gestellt, dann wenige Tage später operiert. Dabei wurde der Mittelhandknochen geplattet, das Fingermittelgelenk hingegen geschraubt. Man mag sich nicht ausmalen, wie schmerzhaft die Zeit nach einer solchen Operation sein kann. Um die Sache allerdings noch ärgerlicher zu machen, ist mir wenige Tage nach der Operation ein weiteres Missgeschick passiert – ungeübt mit der linken Hand drohte etwas aus selbiger zu fallen, so dass ich, obgleich streng geschient, intuitiv mit der rechten Hand zugreifen wollte und *knacks* – und ich brach mir das geschraubte Gelenk erneut. Es tat höllisch weh, hörte aber sehr bald auf zu schmerzen und ich dachte noch, dass ich wohl Glück gehabt hätte. Leider nicht: Ich musste erneut unters Messer, um die heraus gebrochene Schraube zu entfernen und die Krümelmasse, die mal ein Fingergelenk war, nach dem Zusammenpuzzeln mit einer Krallenplatte zu einem K-Draht zu stützen. Diesmal tat es schon etwas weniger weh, immerhin.

Der K-Draht wurde vorletzten Freitag gezogen und die Hand ist zum „beüben“, zur Krankengymnastik freigegeben. Das ist auch bitter nötig, denn das Gelenk ist nun so beschädigt, dass ziemlich sicher dauerhafte Bewegungseinschränkungen zurückbleiben werden, über deren genaues Ausmaß mein Chirurg auch nur spekulieren kann. Derzeit ist des Gelenk praktisch komplett steif, nun ja, vielleicht kann ich es um 5° bewegen. Die ermutigende Prognose: „Das wird noch eine schöne Quälerei. Da müssen Sie jetzt Geduld haben.“ – Künstliche Fingergelenke gibt es zwar, aber die kommen jetzt nicht nur nicht noch nicht in Frage, sondern sind wohl nach übereinstimmenden Aussagen zweiter und dritter Meinungen auch so unausgereift, dass man lieber auf sie verzichten sollte. Und sie müssten, wenn es gut läuft, alle fünf Jahre ausgetauscht werden. Nun, also Krankengymnastik bis auf weiteres…

Entsprechend habe ich im Juni und im Juli beinahe gar nichts geschrieben. Mit der Hand schreiben kann ich wieder ein bisschen, aber es sieht schlimm aus. Ich hatte früher eine sehr kleine, gepackte Handschrift. Jetzt ist sie unregelmäßig und sehr großzügig. Ich muss viel Geschick erst neu lernen, weil einige gewohnte Bewegungen nicht mehr möglich sind: Der kleine Finger ist ständig im Weg – aber ich werde besser! Tippen habe ich vom 10-Finger-System auf ein 8-Finger-System umgestellt, denn der rechte Ringfinger ist aufgrund der niedrigen Beweglichkeit seines Nachbarn auch nicht sonderlich geschickt derzeit. Das ungewohnte 8-Finger-Tippen hat mich am Anfang sehr ermüdet, aber mittlerweile ist es für mich normal geworden. Die Maus habe ich einfach auf die linke Hand verlagert. Die Spracherkennung ist, wie ich schon berichtete, eher dann von Nutzen, wenn der Text gedanklich bereits im Großen und Ganzen steht und man ihn nur erfassen möchte. Herumbasteln an bestehenden Texten, wie es für die Endphase eines Promotionsprojekts üblich ist, ist damit hingegen viel zu schwerfällig.

Auch die anderen alltäglichen Einschränkungen habe ich wieder im Griff (mit links Zähneputzen ist gar nicht so leicht) – … nur die Greifkraft in der rechten Hand fehlt noch immer. Im Bus muss ich mich mit links festhalten, Wasserkästen werden mit links getragen, schwere Taschen sowieso. Was mich dabei am meisten stört, ist aber, dass ich mich noch nicht wieder am Fahrradlenker festhalten und Bremse beziehungsweise Gangschaltung bedienen kann. Das kommt zwar sicher wieder, aber dennoch nervt mich das noch immer tierisch… entsprechend steht das Fahrrad derzeit auch schlicht im Keller.

Meine Chefin war in der ganzen Zeit übrigens wunderbar: Für einen kurzfristig fälligen Aufsatz wurde mir eine Hilfskraft gestellt und auch sonst verstand sie, wieso mir einige Wochen der Stift praktisch aus der Hand gefallen war. Denn mit links zu schreiben: puh, also ich hab’s nicht hinbekommen.

Über Kai Denker

Kai Denker studierte Philosophie, Geschichte und Informatik an der TU Darmstadt. Seitdem sitzt er an einer Promotion in Philosophie mit einem Projekt zu dem Problem der Mathematisierbarkeit von Sprache bei Gilles Deleuze. Er leitet eine Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung interdisziplinärer Lehre und publiziert über Philosophie, Wissenschaft, Cybersecurity und Netzkultur.
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Ein Kommentar zu Schreibkraft und Greifkraft

  1. moveonline sagt:

    ja, die scheinbare selbstverständlichkeit jeden kleinen handgriffs, danke für’s teilen 🙂

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