Food is the New Sex – Naschen am konservativen Kochtopf

Kehren die moralischen Regeln, die in der sexuellen Revolution mit Recht untergegangen sind, in einem neuen Kleid, nämlich bezogen auf die Ernährung, wieder? Zur Untermauerung dieser These lässt sich viel anführen. Wie es aber nicht geht, zeigt uns Mary Eberstadt in ihrem Essay „Is Food the New Sex?“ [in: Policy Review 153 (2009)]:

Eberstadt verbindet in einer historischen Entwicklung die Verhaltensregeln, die die Sexualität reglementiert haben, mit denen, die heute die Ernährung reglementieren. Sie konstruiert dazu zwei typische Fallbeispiele einer Frau aus den 1950er Jahren, die sich nur zu kümmern gehabt hätte, dass das Essen auf den Tisch kommt und deren Sexualität ansonsten auf die monogame heterosexuelle Ehe beschränkt gewesen sei und als zweites Beispiel das einer Frau aus der heutigen Zeit, die Sexuell viel freier wäre, während sie gleichzeitig eine große Zahl von Ernährungsregeln kenne und befolge. Diese Regeln umkreisen die Themen der Gesundheit, d.h. welches Essen in welcher Menge ist als gesund anzusehen und des Umweltschutzes, also welches Nahrung man zu sich nehmen darf, ohne die Umwelt zu schädigen. Beide Fallbeispiele sind trotz ihrer Überzeichnung plausibel.

Gleichwohl versäumt die Autorin es, einen theoretischen Unterbau für ihre Thesen zu liefern. Zwar macht sie einige technikhistorische Andeutungen, dass es der westlichen Zivilisation erstmalig in der Geschichte möglich sei, praktisch allen Mitgliedern der Gesellschaft Nahrung in guter Qualität und in beliebiger Menge zu liefern und dass es erstmalig möglich sei, die Folgen von Sexualität (Krankheiten, Schwangerschaften) durch Kondome und Verhütungsmittel zu kontrollieren, doch bleibt sie dabei in der puren Diagnose stecken und liefert keine Zusammenhänge aus, wieso die Verfügbarkeit von Nahrung und Sex zur Herausbildung einer neuen normativen Ordnung führen solle.

Stattdessen postuliert die Autorin einen Sinn der Moral darin, dass sich Gesellschaften mit ihr gegen ihre eigene Zerstörung schützen wollten. Sie erweist dies jedoch weder theoretisch, noch materiell, sodass sie auch eine Antwort schuldig bleibt, woher Gesellschaft bitte wissen sollen, was sie zerstört. Vielmehr führt sie den Aufstieg der Ernährungsmoral auf eine überzogene(!) sexuelle Revolution zurück, gegen die sich viele nicht wehren könnten und daher zur Formulierung moralischer Vorstellungen gezwungenermaßen auf die Ernährung auswichen. Sie versucht so offenbar, die Vertreter einer wie auch immer gearteten Ernährungsmoral für eine Kritik an der Liberalisierung der Sexualmoral einzunehmen. Dass sie sich dabei jeder theoretischen Überlegung zur Moral und Ethik überhaupt enthält, wird eher dem Risiko, die eigene Position bloßzustellen, als theoretischen Problemen selbst geschuldet sein. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen eines „moral shift“ hätte zumindest über einen kurzen Ausflug zu Kant hinaus gehend auch auf Foucault einzugehen gehabt.

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Blogkonzept

Geben wir es zu: Dieses Blog funktioniert im Augenblick nicht richtig. Ich wollte vor einigen Jahren Kommentare zur lsbti-Politik abgeben – nur leider wurde das zu schnell langweilig. Ich habe dann dieses Blog allgemeiner als Leinwand für Textschnipsel und kurze Gedanken verwendet. Dabei habe ich aber Dinge, die im Rahmen meines Studiums (und jetzt meiner Arbeit) interessant wurden, oft ausgespart. Da nun diese Arbeit den größten Teil meiner Zeit einnimmt, habe ich immer weniger in meinem Blog geschrieben.

Es muss also ein neues Konzept her: Dieses Blog wird seriöser, wissenschafts-affiner und persönlicher – nicht von heute auf morgen, aber mit der Zeit. Ein erster Schritt wird sein, diesem Blog einen neuen Namen zu geben, der etwas… seriöser ist 😉

Das Ergebnis wird (hoffentlich) sein, dass er mehr, nicht weniger Texte hier gibt.

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Forderungskatalog für bessere Bildung

In Deutschland und Österreich wird an den Universitäten gestreikt und besetzt, was das Zeug hält. Es werden Forderungskataloge aufgestellt, diskutiert, Transpis gemalt, Demonstrationen organisiert und Plena veranstaltet. Da ich für sowas zu alt bin, aber dennoch eine Meinung dazu habe, stinke ich natürlich mit meinem eigenen Forderungskatalog mit:

1.) Bafög: Die Bezugsdauer des Bafög muss um mindestens zwei Semester erhöht werden. Die Annahme, Studierende könnten die vollen Pläne der Bachelor- und Master-Studiengänge in der Regelstudienzeit bewältigen, ist illusorisch. Fällt aber am Ende des Regelstudienzeit das Bafög weg, geraten Studierende erst recht unter Druck. Daher soll es nicht nur für die Regelstudienzeit, sondern, unbeschadet weiterer Verlängerungstatbestände, pauschal zwei Semester über die Regelstudienzeit hinaus gewährt werden.

2.) Bachelor- und Master-Studiengänge: Bei der Umstellung der alten Studiengänge auf das Bologna-System wurden die Lehrpläne meistens nicht verändert, sondern die bestehenden Lehrinhalte wurden modularisiert und auf die gewünschte Semesterzahl gestaucht. Die Folge sind übervolle Lehrpläne, die nicht bewältigt werden können und die Studierfreiheit, d.h. die freie Wahl von Inhalten und Veranstaltungen, wurde stark eingeschränkt. Ich fordere umgehend Kommission zur Neuerarbeitung von Studiengängen zu besetzen, die zur Hälfte aus Studierenden höherer Fachsemester bestehen, die also bereits einen gewissen Überblick über ihr Fach erlangt haben. Die Studiengänge sollen die jeweiligen Fächer inhaltlich angemessen breit repräsentieren, die Studierfreiheit wiederherstellen und die Studierbarkeit sichern.

3.) Infrastruktur: Die Universitäten leiden unter einer absurden Raumnot. An einigen Universitäten konnten Mitarbeitern daher schon keine arbeitsrechtlich zulässigen Arbeitsplätze eingerichtet werden. Den Studierenden stehen de facto keine Arbeitsräume zur Verfügung. Die zur Verfügung stehenden Lernzentren sind in der Regel deutlich zu klein und gestatten keine Gruppenarbeit. Oder aber sie gestatten nur die Nutzung durch eine Gruppe zur gleichen Zeit. Die in Bibliotheken verfügbaren Arbeitsplätze sind ebenfalls in der Regel äußerst knapp bemessen. Die Raumnot an den Universitäten muss umfassend und nachhaltig beseitigt werden. Es müssen zahlreiche neue Arbeitsmöglichkeiten für Studierende – Einzel- und Gruppenarbeitsplätze – geschaffen werden. Es reicht nicht aus, einzelne zusätzliche Räume für die Studierenden zu öffnen, sondern die Universitäten müssen zu offenen Gebäuden werden, in denen sich Studierende gerne den ganzen Tag aufhalten, um mit einander oder alleine zu arbeiten, Projekte anzustoßen oder sich auf Prüfungen vorzubereiten. Es soll den Studierenden möglich werden, zumindest im Prinzip alle studiumsbezogenen Tätigkeiten auf dem Campus durchzuführen. Hierzu benötigen die einzelnen Institute nicht nur deutlich mehr Räume, sondern es sind auch neue Raumnutzungskonzepte erforderlich, die die dynamische und bedarfsabhängige Nutzung der Universität ermöglichen.

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Blog-Layout und Slogan

Auf vielfachen Wunsch einer Person habe ich nun das Layout dieses Blogs geändert. Die Lesbarkeit zitierter Texte sollte nun auch auf kleinen Displays besser sein und ich habe die Zensursula rausgeworfen 😉

Übrigens habe ich den Slogan des Blogs etwas stärker der Realität angepasst. 🙂

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Immer dieser Stress

Ich habe meine Diplomarbeit überlebt! \o/

Das war auch der Grund, warum ich die letzten Wochen hier so still war: Ich hockte schlicht in der Uni, bastelte an einem FPGA herum und versuchte mein überlanges Informatik-Studium nun auch noch zum Abschluss zu bringen.

Das ist nun geschafft und eigentlich warte ich nur noch auf das Zeugnis… 🙂

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Zensiert kreuz.net!

Die Konferenz der schwulen und schwul-lesbischen Hochschulreferate hat die Satireseite kreuz.net entdeckt und lässt der Queer.de ihre Forderung ausrichten:

Die schwul-lesbischen Studenten fordern die Regierung auf, gegen die Kampagne der homofeindlichen Christen vorzugehen: „Es muss die Pflicht der deutschen Politik sein, auf eine Kooperation mit den USA in dieser Sache hinzuarbeiten, damit die Urheber in Deutschland auch zur Rechenschaft gezogen werden können.“

Ja, schön, aber was soll das? Soll der Staat kreuz.net zensieren, sperren, stilllegen und die Autoren bestrafen? Dazu kann ich nur eines sagen: Vergesst es, Kinners! – Wollt Ihr das wirklich? Wollt Ihr wirklich, dass die Regierung Webseiten sperrt, die nicht unserem moralischen und sittlichen Empfinden entsprechen? Nun, dann muss die Regierung auch Gayromeo.com sperren, da dort viel zu leicht, nämlich ohne ordentliche Prüfung, Jugendliche an ein eindeutiges sexuellen Angebot gelangen können. Wieso sollte man klerikalfaschistische Propaganda verbieten, Seiten mit pornographischen Angeboten, die keinen ausreichenden Jugendschutz nach deutschen Gesetzen bieten, aber erlauben?

Richtig, es gibt kein überzeugendes Argument dafür.

Was also tun? Nun, lasst mal kreuz.net machen. Wer den Bockmist, der da steht, glaubt, ist eh so blöd, dass er sich durch staatliche Maßnahmen noch in seinem Glauben an ein „homofaschistisches Regime“ bestätigt fühlt. Alle anderen, also alle Menschen, bei denen der Zug kognitiv noch nicht völlig abgefahren ist, nehmen den Unsinn, der auf kreuz.net steht doch sowieso nicht ernst und so wäre es besser, wenn wir kreuz.net einfach als Satire nehmen würden, was es eigentlich auch ist: eine dümmliche Realsatire, die uns einen tiefen Einblick in die Gedanken geistig, geistlich und moralisch beschränkter Wesen gibt.

Es täte, denke ich, uns besser, nicht gleich nach dem Staat zu rufen. Besonders dann, wenn es besser wäre, die Verrückten einfach mal machen zu lassen, damit jeder Mensch sehen kann, was im klerikalfaschistischen Universum abgeht. Das bringt für unsere Sache mehr als Zensur. Manchmal ist es eben so dialektisch…

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Herbert Rusche tritt der Piratenpartei bei

Herbert Rusche tritt der Piratenpartei bei.

Herbert! Willkommen, alter Pirat! 🙂

Wer nicht weiß, wer Herbert Rusche ist, schämt sich und schaut hier.

Ich freue mich, dass Herbert den Piraten beigetreten ist und hoffe, dass er auch bei der AG SchwuPis mitmischen wird. Ich kenne Herbert aus meiner (ehemaligen) Vorstandstätigkeit im Schwulen Landesverband Hessen und aus anderen schwulenpolitischen Zusammenhängen und ich freue mich, dass sich Herbert auf der politischen Bühne zurückmeldet.

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Wir brauchen mehr Videoüberwachung!

Auf Heise.de liest man gerade dies:

Auf 1000 Überwachungskameras in London kommt statistisch gesehen die Aufklärung von nur einer Straftat.

Das hat mich neugierig gemacht. In der amtlichen Polizeistatistik von 2007 liest man nämlich, dass es 2007 insgesamt 6 284 661 Fälle von Straftaten gegeben habe. Davon seien 3 456 485 Fälle aufgeklärt worden. Es bleibt also eine Differenz von 2 828 176 Fällen, die nicht aufklärt wurden.

Übernimmt man die britische Statistik großzügig, dann brauchen wir also nur noch 2 828 176 000 weitere Kamera in Deutschland, um alle Straftaten aufzuklären. Das sind ungefähr 34 Kameras pro Einwohner in Deutschland.

Ich glaube tatsächlich, dass wir in der Lage sind, alle Straftaten aufzuklären, wenn jeder Einwohner ständig von 34 Kameras beobachtet wird. Ich bin versucht, die CDU zu wählen.

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Gedanken aus der Rentnerlatrine

Schaut Ihr manchmal ZDF? Ich schaue selten in die Mediathek, aber da kann man Frau Illners Sendung vom 20. August zum Thema „Rentengarantie“ besichtigen. Dort referiert die VdK-Chefin Ulrike Mascher zur 18. Minute, nachdem Wolfgang Gründiger sich darüber beklagte, dass die jüngere Generation übermäßig belastet werde und dass dies auch einer Gründe wäre, warum so wenig Kinder geboren würden, also diese Chefin des ehemaligen „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ sagt:

Wenn ich das höre, dann hätten wir zwischen 1945 und… sagen wir mal: 1955 überhaupt keine Kinder in Deutschland bekommen, weil feste Zukunftsaussichten, ein gemachtes Netz… Nest. Das war da nicht so vorhanden und die Leute haben trotzdem Kinder bekommen, weil sie auch auf die eigenen Fähigkeiten und die Zukunft vertraut haben.

Ja, was soll man dazu sagen? Am besten wohl gar nichts, sondern wir gehen gleich zur Analyse der versteckten Voraussetzungen über:

  1. Die Situation des Nachkriegsdeutschlands ist der Situation der heutigen Jugend vergleichbar.
  2. Die heutige Jugend fordert ein gemachtes Nest.
  3. Die schlechte Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln hat keine Rolle gespielt.
  4. Wirtschaft spielt für die Geburtenrate keine Rolle.

Entlarven wir, bevor ich die Kriegsgräber-Präsidentin angemessen beschimpfe, zunächst einige Lügen:

  • Wie uns dieses Diagramm zeigt, stieg die Geburtenrate in Deutschland nach dem Krieg zunächst nur langsam, um dann mit dem Einsetzen des sog. „Wirtschaftswunders“ stark anzusteigen. Es ist also absolut nicht plausibel, dass die Wirtschaft nichts mit der Höhe der Geburtenrate zu tun hat.
  • Der ab 1965 deutlich einsetzende Pillenknick zeigt aber, dass die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln eine überaus große Rolle für die Höhe der Geburtenrate hat.

Beides zeigt deutlich, dass die Kriegsgräber-Präsidentin es sich zu einfach macht, wenn sie die Geburtenrate zwischen 1945 und 1955 auf die Zukunftszuversicht schiebt: Erstens steigt die Geburtenrate zeitgleich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stark an, zweitens flaut sie mit der Verbreitung von Verhütungsmitteln stark ab. Die Erklärung, dass in den Jahren zwischen 1945 und 1955 einfach, vielleicht aus Eskapismus mehr als sonst, gefickt wurde und man nicht immer problemlos die folgende Schwangerschaft verhindern konnte, ist vermutlich zu naheliegend.

Es steckt aber noch etwas anderes in dem „Die armen Renter!“-Gerede der Frau und ich habe mich entschieden, dies indirekt, nämlich mit einer Antwort an die dritte Person zu rekonstruieren:

Wer so redet, hat doch einen ganz gewaltigen Knall! Man sagt nämlich nichts weniger, als dass der heutigen Jugend durchaus eine der unmittelbaren Nachkriegszeit vergleichbare Situation zugemutet werden darf. Während es also den Rentnern nicht zugemutet werden kann, einige Nullrunden hintereinander zu ertragen, sollen wir das gleiche Spiel durchmachen und versuchen, ein wirtschaftlich ruiniertes Land aufzubauen wie die Verursacher des Krieges damals? Wohlgemerkt: Die Menschen, die 1945 bis 1955 dieses Land aus den Trümmern wieder aufgebaut haben, waren bis auf eine kleine Minderheit von Exilanten ein Volk von Nazis, Ex-Nazis, Soldaten, Kämpfern, Mördern, Gebärmaschinen, Führer-Zujublern, Mitläufern, Angsthasen und Kollaborateuren! Ich vermag keine Ungerechtigkeit darin zu sehen, wenn ein Volk, das die Welt mit einem grauenhaften Krieg überzogen hat, einige Jahre einer ungewissen Zukunft durchlebt. Das ist sogar noch gnädig. Ich finde es aber pervers, dass eine solche Situation einer Generation zugemutet werden soll, die für die gegenwärtige Lage schlicht nicht verantwortlich ist. Erstens haben wir es nämlich nicht mit einer Nachkriegssituation zu tun und zweitens sitzen die Verantwortlichen für den gegenwärtigen wirtschaftlichen Niedergang woanders:

Es sind die, die heute Rentner sind!

Beispiele:

  • Wer hat denn zugesehen, dass die Regierung die Staatsverschuldung in astronomische Höhen treibt? Na, die, die zwischen 1965 und 1999 wählen durften!
  • Wer hat denn Öl für Benzin verbraucht wie ein Volk von Wahnsinnigen, in dem jeder Mensch ein Auto besitzen sollte? Na, die, die zwischen 1945 und 1999 Autos kauften.
  • Wer wählt denn bis heute die CDU, deren gestörtes Verhältnis zur Vernunft zur Plünderung des Staates weiter beiträgt?
  • Wer droht denn vor jeder Wahl, dass die Rentner die Wahl entscheiden?

So einfach ist es doch: Dieses Klientel hat die Staatsfinanzen an der Wahlurne ruiniert, hat in seiner grenzenlosen Konsumsucht die Umwelt ruiniert, hat in seiner grenzenlosen Sucht nach Besitzstandwahrung die Sozialversicherungssysteme an die Wand gefahren und hat an der Wahlurne bisher jeden Schritt in die richtige Richtung verhindert oder bald rückgängig gemacht. Diese Leute haben diese Volkswirtschaft geplündert und dank Schulden- und Umweltpolitik den folgenden Generationen ein Erbe hinterlassen, für das die VdK-Gierlappen nicht mehr zahlen. Hauptsache, die haben ihre Rente und wir haben den Schaden, was?

Um es kurz und knapp tagespolitisch zu sagen: Die Rentengarantie ist eine große Ungerechtigkeit einer Politik, die vor dem „Ego-Rentner“ längst kapituliert hat. Das Ausplündern der jungen und der zukünftigen Generation durch die Gierigen geht munter weiter: Noch nie ging es einer Rentnergeneration so gut wie dieser – und es wird auch niemals wieder eine Generation geben, der es so gehen kann. Den Ego-Rentnern sei dank.

Ach nein, ich bin ja so ein junger Egoist. Ich vergesse die vielen armen Rentnerinnen, die die Miete nicht zahlen können und ich fordere bestimmt gleich, dass man alle Rentner umbringt, nicht wahr? – Ja, das ist die typische „Du bist Schuld!“-Rhetorik der Ego-Rentner. Gegen eine Mindestrente auf dem Niveau des ALG2 ist nichts zu sagen. Man mutet dieses Niveau auch den jungen Arbeitslosen zu, warum nicht auch den Rentnern? Das ungerecht zu finden, ist nichts anderes als blanker Pensionärsegoismus. Der Vorwurf des bevorstehenden Rentner-Holocaust ist dagegen noch durchschaubar: Wer den Ego-Rentnern vorwirft, sie würden den Staat plündern, fordert nicht deren Tod, sondern nur ein klein wenig Anstand und Bescheidenheit. Wer sich selbst zum altersschwachen Gewissen der Nation aufspielt, sollte schon einmal etwas von Bescheidenheit gehört haben. Aber die Ego-Rentner haben nicht einmal die Bescheidenheit, eine Diskussion über ihre mögliche Beteiligung an den Kosten des von ihnen verursachten wirtschaftlichen Desasters nicht gleich für eine Todesdrohung zu halten. Den eigenen Geldbeutel mit dem eigenen Leben zu verwechseln, ist eine derartig widerwärtige Eitelkeit, dass dazu nichts anständiges mehr gesagt werden kann.

Achja, am 27. September ist ja Bundestagswahl – und wen werden die Rentner wählen? Natürlich ihren Geldbeutel, pardon, natürlich die Parteien, die ihnen nichts ans Leben wollen!


PS: Ich habe die Sendung dann nicht fertig geschaut. Von so viel Eitelkeit wird mir einfach nur übel.

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Offline Skandal, Online normal?

Das IT-Newsportal Golem macht auf folgendes Untersuchungsergebnis aufmerksam:

Bewerber werden von Firmen in Deutschland systematisch auf Meinungsäußerungen im Internet gescannt. Laut einer Meinungsumfrage, die die Verbraucherministerin beauftragt hat, werden Jobsuchende erst gar nicht eingeladen, wenn sie sich negativ über frühere Arbeitgeber äußern oder peinliche Partyfotos veröffentlichen.

Nun: Nehmen wir einmal an, jemand bewirbt sich bei einer Firma. Nennen wir sie zum Spaß „Schniedl“. Firma Schniedl (Inhaber: Kurt Z.R. Schniedl) beauftragt daraufhin in der Firma fest angestellte Detektive, dem Bewerber in seinem privaten Umfeld nachzustellen. Ihn im Café anzusprechen, etwas zu flirten, über die Arbeit zu reden und dann auszuhorchen, was der Bewerber wohl über seinen alten Arbeitgeber denkt. Der Schnüffler freundet sich ein wenig weiter an, kommt mit zur Party und schaut zu, wie der Bewerber zur Feier das Tages einen über den Durst trinkt und sich nicht mehr so recht zu benehmen weiß. Vielleicht findet die Party in der Wohnung des Bewerbers statt und der Schnüffler findet im Bücherregal „Das Kapital“ von Marx, noch etwas Wallraf, einen Bewerbungstrainer und einen Verdi-Ratgeber über Arbeitnehmerrechte.

Nehmen wir weiter an, der Schnüffler schrübe den folgenden Bericht:

[Bewerber] ist vertrauensseelig und lässt sich leicht in Gespräche verwickeln. Er äußert sich auf Nachfrage negativ über gegenwärtigen Arbeitgeber. Er neigt zu Alkoholexzessen und sexualisiertem Verhalten unter Alkoholeinfluss. Er bevorzugt kommunistische Literatur und ist ein potentieller Whistleblower. Er informiert sich übermäßig über Arbeitnehmerrechte. Seine Wohnungseinrichtung zeigt keine Auffälligkeiten. Es darf also wohl von mangelnder Kreativität ausgegangen werden. […]

Nehmen wir bitte jetzt einmal an, dieser Bericht gelangte, warum auch immer, samt den Machenschaften der Firma Schniedl an die Öffentlichkeit. Nun, der Aufschrei wäre wohl groß, es wäre ein Skandal und recht bald fände man bei Amazon ein „Schwarzbuch Schniedl“.

Online soll so etwas aber normal sein: Nur weil man die Schnüffler hier nicht auf die Straße, sondern zu Google und Facebook schickt, wo sie nach jeder Selbstrepräsentation des Bewerbers außerhalb der regulären Bewerbung suchen, ist es kein Skandal mehr?

Ich sehe das nicht so: Firmen, die es für nötig halten, ihren Bewerbern nachzuschnüffeln, alles erdenkliche über sie zu ergoogeln und es dann auch noch für ein negatives Zeichen halten, wenn die Bewerber private(!) Partyfotos(!) in einem sozialen(!) Netzwerk, das sich nicht auf das Erwerbsleben(!) bezieht, anderen Menschen privat(!) zeigt, sind moralisch verkommen und ihre Mitarbeiter, die dieses Vorgehen zu verantworten haben, sind Scheißkerle, die keinen Deut besser sind als die Scheißkerle von Firmen, die mit Mobbing, Angst & Co. etwa die Gründung von Betriebsräten verhindern. Nur weil die Schweinerei hier online stattfindet, wird sie dadurch nicht besser.

Hebt man nämlich den angeblichen Gegensatz von on- und offline auf, dann wird deutlicher klar, worin diese Schweinerei genau besteht: Es gibt aus gutem Grund zwei getrennte Sphären: die Arbeit und das Private. Aus gutem Grund haben Gerichte Versuche von Firmen, sich in das Privatleben ihrer Bewerber, Mitarbeiter und Kunden einzumischen, stets zurückgewiesen und nur sehr kleine und wenige Verknüpfungspunkte zwischen den beiden Sphären erlaubt. Firmen, die die auch öffentlich rekonstruierte Privatssphäre von Menschen nicht respektieren, sind moralisch bankrott und niemand von Verstand und Qualifikation sollte dort arbeiten. Sie erwarten, denn das steckt in ihrer Schnüffelei, dass ihre (potentiellen) Mitarbeiter stets, d.h. 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche, Mitarbeiter zu sein haben und anscheinend sogar, pardon, beim Scheissen das Interesse der Firma nicht bezweifeln dürfen.

Das ist nichts weniger als Human-Ressourcen-Stalinismus: War es im rechten Totalitarismus noch okay, wenn man nur die Klappe hielt und einfach mitspielte, unterzieht der linke Totalitarismus den Menschen einer Gesinnungsprüfung: Er muss nicht nur tun, was der Arbeitgeber befiehlt, nein, er muss es auch noch gerne tun. Man sucht nicht den fähigen Mitarbeiter, sondern den guten Mitarbeiter, der keinen Gedanken gegen seinen Chef wagt und dem noch im Beicht-Meeting der Gedanke über die Lippen kommt: Vergeben Sie mir, Herr Vorgesetzter, ich habe firmenschädlich gefühlt…

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