N=1

1996 reichte Alan Sokal, ein britisch-amerikanischer Physiker, einen vorsätzlich sinnlosen Artikel bei einem Fachjournal ein, das sich postmoderner Kulturwissenschaft widmete. Das Fachjournal betrieb bekanntlich seinerzeit kein Peer-Review und veröffentlichte den vorsätzlich sinnlosen, aber letztlich ungeprüften Artikel. Sokal selbst reagierte auf seinen Erfolg mit einer weiteren Veröffentlichung, die das Zustandekommen der ersten Veröffentlichung darstellte und – wie von ihm geplant – eine Diskussion zu den wissenschaftlichen Standards der Geisteswissenschaften auslöste. Sokal resümierte die Angelegenheit in einem erfolgreichen, inhaltlich aber eher peinlichen Buch, in dem er den „Denkern der Postmoderne“ den Missbrauch der Wissenschaft vorwarf. Schließlich fand die „Sokal affair“ Eingang in jede noch so vulgäre Kritik an den Geistes- und Kulturwissenschaften – gerade auch in die Kritik, die noch heute von manchen allzu schnell zum Zorn neigenden Bloggern mit Hingabe betrieben wird. Mit einem simplen Experiment (N=1) war ein für alle mal entschieden, dass die Geistes- und Kulturwissenschaften kein Recht hätten, sich als Wissenschaften zu bezeichnen.

Warum ich das erzähle? Nun, auch die Atomphysik ist nun mit N=1 als unwissenschaftlicher Dünnschiss entlarvt worden, die nicht einmal die Grammatikalität von Sätzen, die Sokal immerhin noch eingehalten hatte, überprüft. Gut, nur ein Fall und nur eine Konferenz, aber den Beweisstandards der „Sokal affair“ folgend ist die Atomphysik damit endgültig und für alle Zeiten am Ende:

Nonsense paper written by iOS autocomplete accepted for conference

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Der pünktliche Cui Bono

An der TU Darmstadt beginnt dieser Tage mit dem Beginn der Vorlesungszeit des Wintersemesters auch die „Werbung“ für ein ganz besonderes Veranstaltungsformat: Interdisziplinäre Projekte in der Studieneingangsphase, in denen Studierende unterschiedlicher Fächer ein (allzu) komplexes Problem in einer fachlich heterogenen Gruppe bearbeiten sollen. Die hochschuldidaktischen Überlegungen und Hintergründe kann man hier nachlesen.

In den Jahren 2012–2014 war ich beim Institut für Philosophie als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Koordination des „Philosophie-Teils“ der Projektwoche verantwortlich. Ende 2013 führten wir eine Projektwoche seinerzeit zu einem Thema durch, das 2015 eine unerwartete, neue Aktualität erhielt, als zehntausende Menschen für die Balkanroute nach Mittel- und Westeuropa strömten und wir für einige Zeit nicht mehr ignorieren konnten, was wir (bis heute) im Mittelmeer anrichten. In der Projektwoche handelte es sich um die Aufgabe, ein Konzept zu entwickeln, um in kürzester Zeit eine große Zahl von Menschen versorgen (bekleiden, behausen, ernähren, …) zu können, die aus einem ungenannten Grund ihre Heimat verlassen mussten. Im Fokus waren dabei insbesondere Probleme der Koordination, der Versorgung, der Gesundheit, der Sicherheit etc.

Einige Wochen nach der erfolgreichen Durchführung der Projektwoche erschien in der Zeitung „Lesezeichen“ des AStA der TU Darmstadt auf Seite 7 eine Kritik an unserer Veranstaltung, die man hier nachlesen kann. Die Kritik war anonym, sparte nicht mit Vorwürfen, aber verdrehte – was uns besonders ärgerte – die Aufgabenstellung bis zur Unkenntlichkeit. Schon der Aufmacher der Ausgabe („TU Darmstadt findet Formel gegen Armut“) deutete an, dass die Autor*innen sich nicht wirklich mit der Aufgabe befasst hatten. Damals entschieden wir uns gegen eine Reaktion auf den Artikel: eine anonyme, abwegige Einzelmeinung eben.

Heute tauchte jedoch und zwar ziemlich pünktlich zur diesjährigen Bewerbung der Projektwoche der Artikel auf Facebook wieder auf. Man kann sich überlegen, ob es ein Zufall ist, dass der Text nicht vergessen wurde und ob vielleicht jemand eine Projektwoche, an der ich übrigens nicht mehr beteiligt bin, gerne in Verruf bringen möchte. Ich weiß es nicht. Diesmal habe ich mich aber dazu hinreißen lassen, eine Antwort zu formulieren und auf Facebook zu stellen. Ich dokumentiere meine Antwort im Folgenden:

Die damalige Kritik an dem KIVA-Projekt war abwegig und zeugte von einem völligen Missverständnis der damaligen Aufgabenstellung. Sie wurde von einer Person geschrieben, die weder das Projekt noch die gewählte Aufgabenstellung kannte. Was sich hier als „Kritik“ ausgibt, bezog sich offenbar ausschließlich auf die Bewerbung der Veranstaltung sowie einiger eher peripher wahrgenommener Aussagen. In der Folge geriet die „Kritik“ zu einer eher wirren Ansammlung von abwegigen Rassismusvorwürfen, die mit regelrecht irren(!) „Gegenvorschlägen“ vermischt wurde. Dagegen hätte schon ein eher kurzer Blick in das thematisch einschlägige UNHCR-Handbuch für Notfälle die Autor*in von diesem Holzweg abgehalten. Um ein vielleicht eingängiges Beispiel zu nennen: Gerade die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass die Vorstellung, durch welche Ereignisse auch immer könnte eine größere Zahl Menschen in sehr kurzer Zeit versorgt (behaust, bekleidet, ernährt, …) werden müssen, erschreckend realistisch ist. Die Aufgabenstellung zielte auch tatsächlich darauf, den Menschen in einem glücklicherweise hypothetischen Szenario ihre Grundbedürfnisse zu sichern und ihnen dadurch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zurückzugeben. Das hätte die Autor*in wissen können, hätte sie sich die Mühe gemacht, die Aufgabenstellung zu lesen. Stattdessen beklagt die Autor*in in einer Attitüde, die sie* wohl für „kritisch-reflektiert“ hält, dass die Aufgabenstellung den Geflüchteten nicht die notwendige Selbstorganisation zugetraut hätte, sondern sie (rassistisch) als „rückständig“ konstruiert hätte. Nun wird wohl jeder halbwegs verständige Mensch, dem die Bilder der Balkanroute noch vor Augen stehen, einsehen können, dass hungernde, frierende, knöcheltief im Schlamm stehende Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Bildungsgrads, Gesundheitszustands, … nicht primär an einer Vollversammlung, einem Plenum und einer anschließenden konsensual beschlossenen Resolution für den Weltfrieden interessiert sein werden, sondern tatsächlich um das nackte Überleben kämpfen. Die Forderung, man dürfe sich nur dann über Behausung, Bekleidung, Ernährung, … dieser Menschen Gedanken machen, nachdem diese in einen machtfreien demokratischen Willensbildungsprozess eingetreten sind, ist eine grotesk abwegige Forderung, die wohl nur einem völligen Mangel an Reflexion über den eigenen Wohlstand entstammen kann. Die Autor*in, die mir durch eine Indiskretion der damaligen Redaktion mittlerweile namentlich bekannt geworden ist, hat an der Veranstaltung seinerzeit nicht teilgenommen. Im Gegensatz dazu haben sich übrigens die Dozent*innen, die damals an der Planung und Durchführung der Projektwoche beteiligt waren, im letzten Jahr in der Flüchtlingshilfe engagiert, also die Frechheit besessen, sich tatsächlich die Finger schmutzig zu machen, um Menschen zu helfen. Die Position, man müsse angesichts der konkreten Not von Menschen, erst einmal die Machtstruktur des Spätkapitalismus reflektieren, erscheint mir bestenfalls fragwürdig. Ich halte es dagegen mit dem alten Brecht, der darauf bestand, dass vor der Moral noch immer das Fressen komme.

Die Autor*in wäre tatsächlich zu loben gewesen, wenn sie an der Veranstaltung kritisch teilgenommen und solche Fragen gestellt hätte. Sie hat nicht an der Veranstaltung teilgenommen, sondern sich anschließend einen überaus wirren Text zusammen phantasiert, der mit der tatsächlichen Veranstaltung selbst nicht viel zu tun hatte. Wir als Lehrende wünschen uns kritische Studierende, die ganz genau nachfragen und auch unsere (versteckten) Voraussetzungen in Frage stellen. Wir wünschen uns aber auch, dass die Kritik in einem sachlichen Zusammenhang zu dem steht, was kritisiert werden soll, und die Kritik in einer Weise vorgetragen, auf die sinnvoll geantwortet werden kann. Für eine Diskussion bin ich zu haben, für anonyme Rassismusvorwürfe jedoch nicht.

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Wozu sein?

Ich beklagte mich über die etwas nervige Auseinandersetzung mit dem Seinsbegriff (und dessen Univozität) bei Duns Scotus. @Sokalist_n fragte, wieso dieser Begriff überhaupt wichtig sei, was sich damit machen ließe und woher wir etwas darüber wüssten.

Ich glaube, mir ist eine halbwegs klare Antwort gelungen:

Natürlich wissen wir nichts über das Wesen des Seins in einem strengen Sinne (=wahre begründete Meinung). Der Begriff ist vielmehr relevant für eine Modellierungsstrategie, die die Ontologie betrifft, soweit sie für eine metaphysische Theoriebildung überhaupt noch relevant sein kann. Es gilt hierbei lediglich den Weltbezug in einer Art „Rest-Ontologie“ zu sichern: Wenn wir einen Weltbezug behaupten, dann müssen wir wenigstens die Form der existierenden Relata in der Welt hinreichend bestimmen. Wir können nicht behaupten, dass es außerhalb unseres Geistes irgendetwas gibt, ohne dass wir bereits damit behaupten, dass wir uns irgendwie darauf beziehen können. Solche Restbestände von Ontologie finden sich z.B. auch bei Kant, wenn er vom „Ding an sich“ spricht. Bei Deleuze, zu dem ich arbeite, spielt die „Differenz an sich selbst“ die Rolle des „Dings an sich“.

Deleuze macht also, kurz gesagt, die „Differenz an sich selbst“ zu einem Grundbegriff in seiner Modellierungsstrategie und bringt damit traditionelle Vorstellungen solcher „Rest-Ontologien“ durcheinander. Spricht man traditionell eher von Diesheiten und Einheiten, ersetzt Deleuze dieses durch Andersheiten und Vielheiten. Traditionell sind also „ens“, „idem“ und „unum“ konvertibel, bei Deleuze aber „ens“, „diversum“ und „multum“. Traditionell ist das „multum“ z.B. die Privation des „unum“: Vieles ist, was nicht eines ist. Deleuze will das „unum“ durch innerzeitliche Synthesen aus dem „multum“ gewinnen. Es ist eine Philosophie der Mannigfaltigkeit. Ebenso verhält es sich beim „idem“: Aus „Dieses ist, was nicht das andere ist“ wird ein „Dieses ist das andere“. Es ist eine Differenzphilosophie, die ohne den Satz von der Identität zu denken ist. Auch die Identität muss mit innerzeitlichen Vollzügen wiederhergestellt werden.

Ich bearbeite nun den Seinsbegriff (und dessen Univozität) bei Duns Scotus, da sich Deleuze selbst auf diesen bezieht, dessen Überlegungen aber wie gezeigt erheblich umarbeitet. Ziel ist es, sehr genau zu verstehen, wieso auch Deleuze das Sein univok nennt, aber dann trotzdem zu einer Philosophie der Differenz und der Mannigfaltigkeit gelangt. Für Deleuze ist es natürlich mit einiger Mühe verbunden, die Entscheidung, Identität und Negation (Kennzeichen einer klassischen Dialektik aus seiner Sicht) zurückzuweisen und zu einer radikalen Prozessontologie zu gelangen. Wenn man so vorgehen möchte, muss man ein Modell liefern und dazu bedarf es eines genauen Verständnisses der Modellierungsstrategien. Klar soweit?

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Full Spectrum Cyber: Wie ich einmal zurück wollte

Ich war vorhin auf einer WG-Party, auf der auch viele Nerds aus dem Umfeld des CCC beziehungsweise des lokalen Ablegers Chaos Darmstadt herumhüpften. Ich habe einige Leute, die ich lange nicht gesehen und oft vermisst habe, wieder gesehen und muss sagen, dass ich für einen Moment schwach wurde und überlegte, ob es nicht vielleicht doch ein Fehler war, diese Vereine hinter mir zu lassen.

Ich wurde allerdings gerettet. Ich wurde an eine Eigenschaft der Chaos-Nerds erinnert, die ich immer verabscheut habe: Die Haltung, man habe, wenn man nur einfach die Klischees der Club-Elite oder irgendwelcher Blogger nachplappere, schon recht und müsse sich Argumente erst gar nicht ernsthaft anhören. Konkret stieß ich auf ein besonders starrsinniges Exemplar, dass den Witz verteidigte, „Cyber“ sei in erster Linie ein lustiges, sinnbefreites Wort und man dürfe „Politiker“(!), die „Cyber“ sagen, bloß nicht ernst nehmen. Diese hätten keine Ahnung von technischen Zusammenhängen und das sähe man ja auch an dem neusten Wort „Clearnet“, das offenbar der Gipfel des Unverständnisses, was das Darknet sei, darstellte.

Der Punkt ist ja nun nicht, dass „Clearnet“ oder „Full Spectrum Cyber“ irgendwelche wohldefinierten Konzepte wären. Natürlich sind sie das nicht. Um was es gehen sollte, ist, dass diese Begriffe (a) auf eine lange Traditionslinie (z.B. „Cyber“ von [a1] Sciencefiction, [a2] kybernetischen Regierungsphantasien sowie [a3] Vorstellungen zur Zukunft des Krieges im zivilen Raum) zurückblicken, (b) eine, wenn auch verwaschene Bedeutung haben, (c) Wirkung haben: Es ist vollkommen unerheblich, ob ein Bundesinnenminister Probleme der Netzwerksicherheit technisch beschreiben kann. Es ist aber durchaus erheblich, welche Diskursformationen er wissentlich oder unwissentlich(!) reproduziert, wie Wahrheiten in seinem Themenfeld hergestellt, Expertisen zugeschrieben, Legitimitäten konstruiert oder Entscheidungen getroffen werden. Kurz: Es kommt auf das gesamte Spektrum politischer und somit diskursiver Prozesse an, die mit einem Reden darüber, dass eine Staatssekretärin mal nicht wusste, was ein Browser ist, noch nicht einmal angekratzt sind. Sicher kann man das lustig finden, aber es ist halt kindisch.

Diese Komplexitäten und Hintergründe führte ich gegen das bloße „Hehe, da sagt jemand »cyber«!“ ins Feld, verwies auf die Bedeutung von Diskursen und auch unwissentlicher Fortschreibung von Denksystemen. Besagtem Nerd entfuhr es aber, die Diskussion, wie ich sie führe, sei Schwachsinn, drehte sich um und er ließ mich stehen.

Ich muss ihm dankbar sein, hat er mich doch vor meiner eigenen Schwäche gerettet: Nie wieder will ich meine Zeit damit verbringen, Argumente an Leute zu verschwenden, die schon alles wissen, weil sie es bei einem bloggenden Choleriker gelesen haben. Sollen sie sich doch darüber lustig machen, wenn eine amerikanische Militärfirma „Full Spectrum Cyber“ sagt. Ich schüttele bei solchen Wortbildungen auch den Kopf, aber nicht weil ich mir einbilde, dass da nur Idioten sitzen, die nicht wissen, wovon sie reden. Ich sorge mich eher, weil sie vermutlich ziemlich genau wissen. Das kapiert einer, der schon über alles Bescheid weiß, aber nicht und ich sollte auch nicht mehr versuchen, es ihm zu erklären. Gut, dass ich das aufgegeben habe.

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Ich, ein besorgter Bürger

Es wird nun immer klarer, dass der Mörder von München ein Rechtsextremist war, der sich aufgrund seiner deutsch-iranischen Herkunft für einen Arier hielt. Er scheint auch ein Fan des norwegischen Rechtsterroristen Breivik gewesen zu sein.

Ich verstehe nicht, wieso man die Tat dieses Mörders jetzt noch Amoklauf nennen will. Es handelt sich, da sie offenbar (auch) politisch motiviert war, eher um eine Terrortat, aber doch nicht mehr um einen Amoklauf: Er ist nicht ausgetickt, sondern hat die Tat geplant. Auch der Tag war nicht zufällig, sondern offenbar gezielt ausgesucht (der fünfte Jahrestag des von diesem norwegischen Rechtsterroristen verübten Massakers). Der Begriff „Amok“ verstößt hier gegen meine Intuition. Fragt man die Wikipedia nach einer Definition von Amok, so findet man (a) eine „Störung der Impulskontrolle“ angelehnt am DSM-IV, (b) eine „willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens“ angelehnt an den ICD-10, (c) eine Neudefinition für geplante Taten nach Böckler und Seeger (2010): „Bei einem Amoklauf handelt es sich um die (versuchte) Tötung mehrerer Personen durch einen einzelnen, bei der Tat körperlich anwesenden Täter mit (potenziell) tödlichen Waffen innerhalb eines Tatereignisses ohne Abkühlungsperiode, das zumindest teilweise im öffentlichen Raum stattfindet.“ und schließlich (d) aus der gemeinsamen Polizeidienstvorschrift der deutschen Länder entnommene Definition der „Amoklage“ im „polizeitaktischen Sinne“, die auf einen „anscheinend wahllos oder gezielt insbesondere mittels Waffen, Sprengmitteln, gefährlichen Werkzeugen oder ausgewöhnlicher Gewaltanwendung [vorgehenden Täter, wobei dieser] eine in der Regel zunächst nicht bestimmbare Anzahl von Personen verletzte oder getötet hat bzw. wenn dies zu erwarten ist und er weiter auf Personen einwirken kann.“[In Fließtext aufgelöste Aufzählung].

Ich muss gestehen, dass mich dies etwas ratlos lässt. Definition (a) stellt auf die Natur einer psychischen, vielleicht neurologischen Störung ab, während (b) ein beobachtbares Verhalten beschreibt. (c) entfernt daraus den Charakter des Ungeplanten, schränkt auf körperliche Anwesenheit und auf den öffentlichen Raum (teilweise) ein, während (d) ein beobachtbares Verhalten beschreibt und auf die Mittel und Begleitumstände der Handlung abstellt. Die Definition (a) entzieht sich unseren Erkenntnismitteln und scheint mir daher ganz und gar unbrauchbar. Komplexe psychiatrische Diagnosen sind an einer Leiche eher schwierig und so blieben hier nur Spekulationen post mortem. (b) beschreibt zwar ein beobachtbares Verhalten, macht aber eine Aussage über die Planung („willkürlich“) und über die Ursache, wie sie uns erscheint. Die Planung können wir nicht beobachten, vielleicht allenfalls ex post erschließen. Die Bedeutung der Ursache, danach wie sie erscheint, finde ich fragwürdig, da dies ja von der Verständigkeit der Beobachter_innen abhinge. (c) und (d) beschreiben ein Verhalten und entfernen Fragen nach Ursache und/oder Motiv. Immerhin nennen (c) und (d), die ich hier ja nur aus der Wikipedia kenne, Kriterien. Die können wir jetzt abhaken und würden sie de facto wohl auch für den Fall des Münchener Mörders bestätigt finden (für eine „Amoklage“ als Situations- und nicht Tatbeschreibung natürlich cum grano salis).

Die Frage ist also eher de jure, nämlich ob wir diese Definitionen (c) und (d) gelten lassen wollen. Dazu können wir einmal versuchen, wie sich die Definitionen im vorliegenden Fall gegenüber der neuen Erkenntnis verhalten, dass es sich um die Tat eines Menschen mit einem rechtsextremistischen und rassistischen Weltbild gehandelt hat und er die Tat expressis verbis in Zusammenhang mit diesem Weltbild gestellt hat. Das wissen wir nämlich dem Vernehmen nach aus diesem Video, das den Mörder auf dem Dach des Parkhauses(?) zeigt. Da (c) und (d) die Fragen nach Ursache und Motiv ausschließen (was für die unmittelbare Polizeitaktik natürlich sinnvoll ist!), müssen beide Definitionen, soweit sie hier vorgetragen und erörtert wurden, gegenüber dem rechtsextremistischen und rassistischen Weltbild indifferent sein. Dann ist wohl auch das Massaker, das der norwegische Rechtsterrorist Breivik verübt hat, „nur“ ein Amoklauf und Unterschiede fänden sich in dieser Hinsicht auch nicht bei Würzburg, Ansbach oder Reutlingen. Soweit kann also jeder terroristische Anschlag auch als Amoklauf bezeichnet werden, was mich eben ratlos zurücklässt.

Nun gilt wohl die alte Einsicht, dass man mit Differenzen Politik machen kann. Ich meine nun nicht den nicht von der Hand zu weisenden Vorwurf, die Unterscheidung von „Amok“ und „Terror“ lasse sich an der Hautfarbe oder der Religion der Tatbeteiligten festmachen. Dass es in der Begriffsunterscheidung einen Rassismus gibt, ist offenkundig. Aber warum fällt es so schwer, zuzugeben, dass wir ein verdammtes Problem mit Rechtsterrorismus haben und dass insbesondere die Tat in München die Tat eines einzelnen, radikalisierten Rechtsextremisten war und damit, als politisch motivierte Mordtat, mit Fug und Recht „Rechtsterrorismus“ heißen darf. Und dass wir rechte Gewalt in diesem Land klein reden, macht mir Sorgen.

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Sein bei 180° Umluft

Ich lese mich gerade durch Texte zur Metaphysik, genauer zur Ontologie, um den Überlegungen zum „Möglichen“ auf die Spur zu kommen. Ich bin dabei immer wieder auf folgenden Gedanken gestoßen, den ich etwas verkürzt wiedergeben möchte:

Das, was bloß möglich ist, kann nicht nur unsere Gedankenwelt betreffen, da es ja tatsächlich Veränderungen in der Welt gibt. Ergo muss es eine ontologische Möglichkeit geben. [Skeptizistische Einwände mal beiseite.] Diese ontologische Möglichkeit ist nicht einfach das Sein, denn sonst wäre das, was bloß möglich ist, auf die gleiche Weise wie das, was ist. Die ontologische Möglichkeit kann aber auch nicht schlechterdings nicht-sein, denn sonst wäre das, was bloß möglich ist, eben nichts, wäre also auch nicht im ontologischen Sinne, was der vorherigen Folgerung, dass es einen ontologischen Status des Möglichen gibt, widerspräche. Das, was bloß möglich ist, muss also mehr Sein haben als das, was nicht ist, aber es muss weniger Sein haben, als das, was ist. Es sei, so wird geschlossen, als Mögliches noch aufnahmefähig für das Sein.

Ich stoße mich immer wieder an dieser Idee: Wenn das, was bloß möglich ist, in einem verminderten Grad ist, dann muss das Sein einer Entität in Abstufungen, vielleicht sogar in Graden zukommen. Mal davon abgesehen, dass es natürlich ein überaus heikler Satz wäre, von einer Entität zu sagen, dass ihr das Sein im Grad Null zukommt, sie also nicht ist und wir damit allerhand lustige „Pegasus“-Probleme produzieren und mal davon abgesehen, dass die Aussage, dass eine Entität „ist“, ein trivialer Satz zu sein scheint, frage ich mich, wie ich mir ein graduelles Sein vorstellen sollte. Sicher: eine Metapher wie „Graustufen“ oder verschiedene Stufen von Durchsichtigkeit kann ich mir schon vorstellen, aber mit einer solchen Metapher ist keinerlei Erklärungskraft verbunden.

Was sollen also „Seinsgrade“ sein? Und wie kommt einer Entität, also einem unum, ein schwächerer Seinsgrad zu? Ist es aufgeteilt, dass einige Teile sind, andere aber (noch) nicht? Das macht offenbar keinen Sinn, denn sonst wäre es ja kein unum, ein Einzelnes. Der Seinsgrad muss also ein Attribut(?) der gesamten Entität sein. (Darf es ein Attribut sein, obwohl es die Substanz betrifft, sobald wir an ein mögliches unum per se denken?) Wenn wir nun aber sagen, das, was bloß möglich ist, sei noch Fähig, Sein aufzunehmen oder Sein zu empfangen, dann muss ich mir das Sein als etwas vorstellen, was ich irgendwie einfüllen oder zuführen kann und dann verbindet es sich mit dem Sein, das schon vorhanden ist, ohne dass das Sein, das schon ist, in einem vollen Sinne ist. Fällt es nicht auf, das man nun von Sein in unterschiedlicher Abstufung sprechen möchte?

Natürlich ist mir klar, dass vieles hier eine Verwirrung ist, die aus den Sätzen folgt, die ich zur Charakterisierung der ontologischen Möglichkeit verwende und die Verwirrung durch eine Reduktion der Sprache (einer Sprachtherapie) verschwinden würde. Ich möchte mich von den untersuchten Texten aber nicht abwenden, sondern verstehen, wie die jeweiligen Autor_innen diese Seinsgrade gedacht haben. Ich finde es unbefriedigend, hier einfach ein Ende der Erklärung zu sehen und ich bin auch noch nicht bereit, die Vorstellung einer Möglichkeit mit ontologischem Status aufzugeben.

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Ist die AfD eine faschistische Partei?

Ist die AfD eine faschistische Partei? Ich sage: Ja.

Wieso?

Nun, zunächst einmal ist sie natürlich keine faschistische Partei in einem streng historischen Sinne. Allerdings ist ein solcher Begriff auch so eng, dass er seinen Sinn verliert. Natürlich ist die AfD nicht die historische NSDAP, F.E.T. y de las JONS oder PNF. Die Benennung als „faschistische Partei“ muss also, soll sie sinnvoll sein, etwas anderes bedeuten, was wohl eher Form und Ziel der Partei entspricht. Es geht also nicht um Identifikation, sondern um Vergleich. Es ist aber auch klar, dass es keinen Sinn haben kann, die AfD mit der NSDAP des Jahres 1938 oder gar 1942 zu vergleichen, als sich der Nationalsozialismus auf dem Höhepunkt seiner Regimephase oder in seiner Kriegsphase befand. Die AfD ist eine eher eine politische Bewegung und so drängt sich auf, einen Vergleich zu Formen und Ziel historischer faschistischer Parteien während ihrer Bewegungsphase zu untersuchen:

Gibt es also Parallelen zur NSDAP der 1920er Jahre hinsichtlich Form und Zielen?

Ich habe weder die Zeit, noch den Platz, hier eine ausführliche, quellenkritische und methodisch abgesicherte Studie vorzulegen, möchte aber ein paar Punkte nennen, die sich aufdrängen und die eine Attribuierung der AfD als faschistisch begründen könnten. Ich kann dabei nicht behaupten, es handele sich um eine vollständige Aufzählung oder gar um eine Liste notwendiger Bedingungen, deren Konjunktion eine hinreichende Bedingung bildet. Die Liste produziert aber eine Frage: Wenn all dieses vorliegt, was fehlt dann bitte schön noch, um die AfD als faschistisch zu attribuieren?

  • Nationalismus: Die AfD versteht unter „Deutschland“ nicht das völkerrechtliche Subjekt Bundesrepublik, sondern imaginiert eine deutsche Nation, von der der Staat Legitimation empfange. Diese Nation versteht sie freilich nicht staatsbürgerlich, sondern ethnisch. Ein Volk, ein Staat…
  • Revisionismus: Die AfD bezeichnet den Nationalsozialismus als „12 Unglücksjahre“, auf die sich die Vermittlung von Geschichte an Schulen nicht konzentrieren dürfe. Nicht nur wird damit der Nationalsozialismus und die Shoa heruntergespielt. Es wird auch ignoriert, dass die Hitlerei nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern dass sie einen Kulminationspunkt einer komplexen historischen Entwicklung bildet. Das ist eine Revision von in der Forschung anerkannten historischen Tatsachen.
  • Chauvinismus ist der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Man findet ihn bei der AfD in einem solchen Übermaß, dass man sich gar nicht entscheiden kann, womit man beginnen soll. Vielleicht ein Punkt, der unter den anderen nicht noch einmal explizit wird: Die Deutschen hätten einen höheren Anspruch auf Glück und Wohlstand als die anderen Völker(!). Man sei selbst eine Partei neuen Typs gegen die alten „Systemparteien“ etc. etc.
  • Sexismus gehört zum Wesenskern der AfD: Frauen sollen in die Rolle der Heimchen am Herd (zurück)gedrängt werden, die im wesentlichen als Gebärmaschinen dem Volk dienen müssen. Zugleich wird alles bekämpft, was in irgendeiner Form der Emanzipation dient. Man denke nur an das Phantasma der „Frühsexualisierung“ oder an das Gekeife über geschlechtergerechte Sprache. Alles, was nicht cis-hetero ist, ist der AfD ein Greuel. Folgerichtig will sie auch alle Programme gegen Diskriminierung und alle Forschung hierzu einstampfen. Hier könnte man auch ihre Position zur Abtreibung einordnen. Die NSDAP hat später eine „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ eingerichtet. Frau von Storch läuft sich bereits warm, wenn sie die Organisation der lgbtiq*-feindlichen Demonstrationen in Stuttgart von ihrem Abgeordnetenbüro aus organisieren lässt.
  • Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Klasse. Die AfD möchte den Sozialstaat einseitig zuungunsten einkommensschwacher und prekär beschäftigter Schichten umbauen. Man denke nur an die irrsinnige Idee, die Arbeitslosenversicherung zu privatisieren. Gleichzeitig kreist das Denken der AfD so massiv um die Frage, was jemand für die Gesellschaft (pardon: das Volk) getan habe, dass sich hieraus leicht die Verachtung für Menschen analysieren lässt, die kein ausreichendes Einkommen selbst erwirtschaften können. Derartige Not solle, so die AfD, von der Familie aufgefangen werden, womit die ohnehin niedrige soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft massiv reduziert würde. Kurz: Die Armen sollen bitte dort bleiben, wo sie sind.
  • Rassismus ist ein breiter Begriff, der allzu oft auf Fremdenfeindlichkeit reduziert wird. Die AfD ist unübersehbar fremdenfeindlich. Entscheidender ist aber der biologistische Kern des Rassismus. Die NSDAP ergötzte sich bis in den Völkermord hinein am biologistischen Denken. Soweit ist die AfD freilich noch nicht, aber ihr beständiges Schwadronieren über Fortpflanzungsstrategien oder biologisch begründete Wesensmerkmale der Geschlechter, der Völker etc. ist bereits die richtige Voraussetzung.
  • Völkisches Denken: Freilich ist die antisemitische Komponente des historischen völkischen Denkens bei der AfD unter einem schrillen Hass auf den Islam (einer Religion wohlgemerkt, kein Volk!) überdeckt, aber dafür ist die deutschtümelnde Komponente um so deutlicher. Die AfD träumt von einem homogenen deutschen Volk, das ist identisch mit der deutschen Nation und am Ende mit dem deutschen Staat ist. Alles, was ihr nicht deutsch genug ist, ist ohnehin „Multikulti“.
  • Antimodernismus ist die Ablehnung der Modernisierung von Gesellschaften, die mit deren Heterogenisierung und Öffnung einhergeht. Gelegentlich als neuer Biedermeier verharmlost, träumt sich die AfD in ein 19. Jahrhundert zurück, das so nie stattgefunden hat, in dem aber die Welt angeblich irgendwie überschaubar war. Moderne Errungenschaften der trans- und postnationalen Staatskunst, die zumindest Europa bisher vergleichsweise erfolgreich befriedet haben, lehnt die AfD ebenso ab wie die modernen Emanzipationsbewegungen, Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung, Subkulturen, Parallelgesellschaften, abgeschlossene und offene Gemeinschaften etc. – Kurz: Alles, was Komplexität und Offenheit einer Gesellschaft erhöht, ist zu bekämpfen.
  • Kulturpolitik: Die AfD hat in ihren Wahlprogrammen deutliche Eingriffe in die Kunstfreiheit gefordert. Zwar ist nicht von entarteter Kunst die Rede, aber der Feind im kritischen Kulturbetrieb ist bereits ausgemacht.
  • Pressefreiheit? Lügenpresse! Der Umgang der AfD mit den Medien ist aggressiv, jedenfalls sofern man von einigen als freundlich ausgemachten Medien, die sich politisch am rechten Rand verorten, absieht. Für eine sogar halbwegs lustige Episode denke man an den nicht erfolgten Auftritt von Frauke Petry beim ZDF-Morgenmagazin: Erst soll sie den Termin vergessen haben, dann lag es an einem Hackerangriff, dann wieder nicht und schließlich wird die Moderatorin des Morgenmagazins als „Politaktivistin“ bezeichnet, mit der man erst gar nicht reden wolle. – Weniger lustige Episoden erfährt man bei den Journalist_innen, die körperlich angegriffen wurden. Sicher, sicher, alles verwirrte Einzeltäter. Siehe dazu unten →Gewaltphantasien.
  • Feind- und Sündenbockdenken: „die Flüchtlinge“, „die Moslems“ – noch Fragen? Es ist nicht nur einfach ein „Wir gegen die“, sondern „die“ dienen auch als Objekt, dem man die Schuld an allen realen oder imaginierten eigenen Unglücksfällen zuschreiben kann.
  • Paranoides Denken ist weiter gefasst, als das Denken in Verschwörungen, das es bei der AfD auch gibt, etwa wenn strukturell antisemitische Vorstellungen von einem internationalen Finanzkapitalismus ventiliert werden. Im paranoiden Denken wird darüber hinaus hinter allem eine Lüge oder eine Agenda vermutet. Man denke nur an die irrsinnigen Unterstellungen, die Grünen wollten irgendeine das deutsche Volk(!) abschaffende gesellschaftliche Transformation durchsetzen, die von „Masseneinwanderung“, über „Frühsexualisierung“ bis hin zum Klimawandel reicht. Zu den Sternstunden des paranoiden Denkens gehören die Einlassungen zu CO₂ in den aktuellen Programmentwürfen der AfD. Spoiler: Hinter Windrädern steckt auch so eine irrsinnige Agenda!
  • Sprachpolitik à la LTI: Wie die historischen faschistischen Bewegungen neigt auch die AfD zu Neologismen: Lügenpresse, Masseneinwanderung, Systemparteien, Frühsexualisierung, … – Sie hat zwar nicht alle diese Begriffe erfunden, zieht sie aber ganz groß auf. Eine Relektüre von Klemperers LTI wäre hier sehr erhellend. Die lingua tertii imperii, die Sprache des dritten Reiches ist überaus lebendig.
  • Ablehnung demokratischer Kompromisse: Kurz nach den letzten Landtagswahlen wurde kurz von einer möglichen Zusammenarbeit von CDU und AfD in Sachsen-Anhalt geredet. Dem Unsinn muss man hier nicht nachgehen. Die AfD tat es dennoch und betonte, dass sie eine ganz andere Politik wolle. Höcke wird nicht müde, sich die AfD als zukünftige Kanzlerpartei zu imaginieren. Die AfD will einen fundamentalen Systemwechsel und die demokratischen Rituale, zu denen auch der Kompromiss gehört, beenden. Koalitionen und Absprachen sind aber keine Störung des demokratischen Systems, sondern der Normalfall, der politische Prozesse zwar bremst, aber dadurch auch stabilisiert.
  • Gewaltphantasien: Freilich kann eine Partei in Deutschland nicht allzu plump in ihrem Parteiprogramm von Gewalt phantasieren. Die AfD deutet ihre Gewaltphantasien im Programm nur an, wenn sie das Strafrecht verschärfen möchte oder die Sicherungsverwahrung auf suchtkranke Menschen ausdehnen will. Deutlicher wird dies schon, wenn ihre Funktionselite auf der Maus ausrutscht und sich Schießbefehle wünscht. Und noch deutlicher wird dies, wenn man dem Parteifußvolk auf Facebook aufs Maul schaut. Wenn sie nämlich erstmal am Ruder sind, dann wird endlich durchgegriffen und erschossen, wie man unlängst aus Neu-Isenburg erfuhr. Sicher, sicher, das waren einzelne Wirrköpfe. Tausende einzelner Wirrköpfe, die demokratische Politiker bedrohen, Menschen verprügeln, Häuser anzünden… und das örtlich und zeitlich zu AfD-Wahlergebnissen passend. Reiner Zufall!
  • Führerkult: Ja, auch die AfD hat einen Führerkult, einen Traum vom starken Mann, der durchgreift. Zwar hat sie bewiesen, dass eine rechtsextreme Partei auch ohne charismatischen Führer (zumindest zeitweise) erfolgreich sein kann, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Höcke, Petry oder sonst jemand in die Rolle hineingewachsen ist. Bis dahin träumt man von einer engen Bindung an das Russland des Herrn Putin. Vermutlich wegen seiner Rolle als „starker Mann“ und weniger aufgrund der niedrigen Lebenserwartung in Russland.

Alles Alleinstellungsmerkmale der AfD? Eher nicht. Aber sehr wohl alles Merkmale von faschistischen Parteien, ihren Formen, ihren Zielen. Was fehlt also bitte noch? Die Entfesselung der Massen? Das kommt noch, sage ich Euch. Die ersten Massebröckchen marschieren sich in Dresden ja schon einige Zeit warm.

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Die Erfindung des Cyberwars

WeltTrends-113-Cyberwar-CoverIn der aktuellen WeltTrends (Nr. 113, März 2016) ist ein kleiner Text von mir zur Erfindung des Cyberwars erschienen, der einige Argumente aus dem Artikel in der Berliner Debatte Initial noch einmal aufgreift und etwas allgemeinverständlicher darstellt. [Inhaltsverzeichnis]

Mittlerweile ist der Begriff „Cyberwar“ weltweit bekannt. Er entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA. Im Widerspruch zu seiner vorgeblichen Geschwindigkeit beschreibt „Cyberwar“ einen langsamen, schleichenden, eher latenten Krieg. Es ist seine fast vergessene Geschichte, die bis heute in Diskussionen mitschwingt und seine informationstechnische Seite überschreitet.

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Zwei Aspekte des Argumentierens

Es lassen sich leicht zwei Aspekte des Argumentierens unterscheiden. Der erste ist der Standpunkt der Logik, der zweite aber ein pragmatischer Standpunkt. Jener fragt nach dem logischen Zusammenhang der im Argument auftretenden Aussagen, dieser aber nach dem Erfolg des Arguments in der Diskussion. Es besteht keine Notwendigkeit, dass beide zusammenfallen, wie ein Beispiel zeigt:

Von einem Standpunkt der Logik aus gesehen ist selbst das dümmste Argument noch immer unendlich viel klüger als das völkisch-gewaltbesoffene Gesabbel der AfD. Von einem pragmatischen Standpunkt aus gesehen vermag aber selbst das klügste Argument einen hirntoten AfD-Zombie nicht zum Denken zu bewegen.

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Denker, allein im Studierzimmer.

Denker:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Geschichte,
Und leider auch Informatik
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn…
Da steh ich nun, ich armer Projektleitor!
und bin so müd als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Diplom-Informatiker gar
Und ziehe schon an die sechzehn Jahr
Herauf, herab und quer und krumm,
Diese Uni an der Nase rum
Und sehe, dass Studis nichts lernen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Bin gar nicht gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen
Mich plagen stets Skrupel uns Zweifel,
Fürchte mich auch vor Hölle und Teufel –
Dafür ist mir auch alle Karriere entrissen…

Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen einer simplen Integralgleichung.

Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt eine Referenz auf Nietzsche.

Er faßt das Buch und spricht den Namen Deleuze geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, Deleuze erscheint in der Flamme.

Deleuze: Wer ruft mir?

Denker (abgewendet): Schreckliche Fingernägel!

Deleuze:

Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun –

Denker:

Weh! Ich ertrag Dein Geschreibsel nicht mehr!

Deleuze:

Du flehst, erdenkend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;

Da bin ich! – Welch erbärmlich Grauen
Faßt Wunschmaschine dich! Wo ist der Synthese Ruf?

Wo ist die Einbildungskraft, die eine Immanenzebene in sich erschuf?

Wo bist du, Denker, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?

Denker:

Soll ich dir, Franzosenbildung, weichen?
Ich bin’s, bin Denker, bin deinesgleichen!

Deleuze:

In Wunschesfluten, im Synthesesturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!

So schaff ich die laufende Vielheit der Zeit
Und wirke der Konsistenzebene lebendiges Kleid.

Denker:

Der du die Schwallerei umschreibst,
Geschäftiger Deleuze, wie nah fühl ich mich dir!

Deleuze:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! (verschwindet)

Denker (zusammenstürzend):

Nicht dir?
Wem denn?
DOCH NICHT ETWA FREGE?!

 

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