Das Scheitern der Piraten in der Analyse

Das Scheitern der Piraten, eine funktionsfähige Partei zu formen, ruft derzeit viele Analysen hervor, die mal mehr, mal weniger wirr versuchen, eine plausible Theorie der Funktionsweise von Parteien zu formen. Ich habe davon ein paar gelesen, aber bei weitem nicht alle. Sie sind einfach zu langweilig, denn sie stimmen alle in einem Punkt überein: Sie stellen die Machtfrage nicht oder sie stellen sie – noch schlimmer! – falsch:

Das Problem der Piraten war und ist, komplett unfähig zur Anerkennung expliziter Machtformen zu sein. Macht ist bekanntlich irgendwie böse, muss eingekreist, kontrolliert, bekämpft und nach Kräften vermieden werden. Hat man diese so abstrakte wie unterkomplexe Machtkritik aber ideologisch verinnerlicht, ist man nicht nur nicht mehr zur Anerkennung von Mehrheitsentscheidungen in der Lage, die stattdessen als „Unterwanderung“ erscheinen müssen, sondern behauptet auch in geradezu katholischer Realitätsverleugnung, dass implizite Machtstrukturen keine Rolle spielen und spielen dürfen.

Nun, implizite Machtstrukturen gibt es immer, gab es immer, wird es immer geben. Sie entstehen permanent von selbst, schreiben sich keinem Individuum zu und besitzen stets ihre eigenen Dynamiken und Eigengesetzlichkeiten. Sie reichen von einem selbstreferentiellen Ansehen, was die Nerd-Szene in geradezu lächerlicher Verkennung der eigentlichen Begriffsbedeutung gerne „Meritokratie“ nennt und für die Abwesenheit von Macht hält, bis hin zu gewaltförmigen Kommunikationsstrukturen und Redeweisen. Gerade die grotesk aufgeladene Abwehr genderinklusiver Sprachpraktiken ist nicht ein Zeichen eines ubiquitären Maskulinismus (auch wenn es solchen zweifelsohne gibt), sondern eine Abwehr, die sich der eigenen ideologischen Neutralität versichert. „Postideologisch“ bedeutet bekanntlich nur, die eigene gesellschaftliche Position nicht nur nicht verstanden zu haben, sondern auch auf Teufel-komm-raus nicht reflektieren zu wollen. Dass man sich damit impliziten Machtformen ausliefert, liegt zwar auf der Hand, darf aber im Namen der eigenen anarchistischen Ideologie nicht anerkannt werden. Dass sich dies nun auch in der Analyse des Scheiterns verbietet, liegt auf der Hand: Lieber soll die Partei untergehen, als dass man die eigene Position hinterfragen müsste. Die Macht selbst interessiert sich freilich für solche Kindereien nicht und verfolgt ihre eigenen Bewegungen, die sich nicht selten in einer wirren und immer schnelleren Modulation von Empörung entladen. Es braucht dann nur eine eher langweilige, wenngleich nicht sonderlich hilfreiche Aktion wie #bombergate, um die aufgeladene Empörungsmaschine in Bewegung zu setzen. Die psychische Entladung, die hier nackte Frauenbrüste ausgelöst hatten, hätte nicht wenige psychoanalytische Fallstudien inspirieren können.

Die Geschichte der Macht ist die Geschichte der Versuche, sie zu zähmen. Die wenigen Fälle, in denen diese Versuche geglückt sind, schreiben die Geschichte der Explikation von Macht, nicht ihrer Umhüllung. Die Organe des Rechtsstaates sind keine Umhüllung (Sublimierung) von Macht, sondern ihre Explikation, d.h. Aktualisierung in transparenten Strukturen. Sie beseitigen oder ersetzen Macht nicht, sondern materialisieren Macht, um ihre Eigengesetzlichkeiten disponibel zu machen. Sie macht aus der Macht als indisponibler Natur menschlicher Kommunikations- und Handlungsvollzüge eine disponible Machttechnik. τέχνη bedeutet auch „Kunstfertigkeit“. Die anarchistische Piratenideologie – am meisten in ihrer neoliberalen Spielart, aber durchaus auch in ihrer linken Spielart – wollte das nicht sehen und hat sich damit den Eigengesetzlichkeiten impliziter Macht ausgeliefert. Um zum Abschied eine nautische Metapher zu bedienen: Wer nicht akzeptieren mag, dass die Schifffahrt längst zu einer Ingenieurskunst geworden ist, möge sich bitte nicht wundern, der Willkür der Gezeiten ausgeliefert zu sein und in ihnen abzusaufen.

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Frau Maischberger und der Selbstmord

Trigger-Warnung: Es geht im Folgenden um Homo- und Transphobie, Hass, Depressionen, Gleichgültigkeit und Suizid.

Jede Person, die in den letzten vier Jahrzehnten nicht unter einem Stein gelebt hat, sollte auf die eine oder andere Weise mit performativen Sprachtheorien in Berührung gekommen sein. Sollte – denn es scheint noch immer erklärungsbedürftig, was Austin (1962, dt. 1972), Searle (1969, dt. 1971) oder in neuerer Zeit beispielsweise Butler (1997, dt. 1998) beschrieben haben: Sprache ist nicht einfach informativ, sondern grundsätzlich auch performativ. Dieser Satz hat es mittlerweile, über einen kommunikationspsychologischen Umweg durch Watzlawick und Schulz von Thun, in die Unterrichtsmaterialien der gymnasialen Oberstufe geschafft: Neben einem Sachinhalt hat eine sprachliche Äußerung stets auch einen Beziehungsinhalt, eine Selbstoffenbarung und einen Appellcharakter. Die genannten Theorien entscheiden sich alle in wichtigen Überlegungen, stimmen aber alle in einem wesentlichen Punkt überein: Sprache hat Handlungsmacht. Eine Richterin, die einen Angeklagten verurteilt, informiert ihn nicht, sondern sie verurteilt, indem sie das Urteil spricht. Ein Standesbeamter informiert nicht über die Heirat, sondern er verheiratet, indem er die Verheiratung erklärt. Eine Lehrerin informiert sich nicht, wenn sie Vokabeln abfragt, sondern sie kontrolliert, indem sie Befehle erteilt. Ein Troll informiert nicht über eine Beleidigung, sondern er will beleidigen, indem er eine Beleidigung ausspricht. – Gewiss, wir haben es hier mit sehr heterogenen Beispielen zu tun, die teils auf ein rechtliches Gefüge (Richterin, Standesbeamter), teils auf ein Herrschaftsgefälle (Lehrerin), teils auf einen inneren psychischen Zustand zielen (Troll), aber in allen Fällen handelt es sich nicht um die Übertragung einer Information, sondern um eine Handlung, die in Sprache stattfindet und die auf eine Veränderung zielt: Die Veränderung eines rechtlichen Status, die Unterwerfung unter eine Leistungskontrolle, die Erschütterung einer emotionalen Verfassung. Weinende Angeklagte mag so manche_r aus Filmen kennen, Frust über verpatzte Vokabeltests vielleicht am eigenen Leib und wer einmal an einen Troll geraten ist, der einen wunden Punkt erwischte, muss ohnedies nicht weiter über diese Sachverhalte aufgeklärt werden. Wie seltsam subtil diese emotionalen Trigger sein können, können sogar Maskulinisten erkennen, die es in diesem Text bis an diese Stelle geschafft haben: „manche_r“ enthält praktisch keine Information für den Sachinhalt und reicht doch, dass so mancher Mann regelrecht rot sieht.

Wenig überraschend inspirierte dieses Wissen eine Kultur der Trigger-Warnungen. Es gibt Menschen, die bei (für sie) heiklen Wörtern, bei (für sie) heiklen Themen eine emotionale Reaktion haben – selbst dann, wenn diese nicht von Sprecherin oder Schreiberling beabsichtigt wurde, so dass es sich immer mehr einbürgert, bei solchen Themen vorab zu warnen. Sprache kann verstören, zumal Menschen, deren emotionale Stabilität aus welchen Gründen auch immer gefährdet sein mag.

Journalist_innen wissen das eigentlich: Die Pressekodizes vieler Journalistenverbände gebieten eine Zurückhaltung bei Themen, die im Verdacht stehen, Menschen unnötig zu destabilisieren. Namentlich beim Thema Suizid: Obzwar nicht gänzlich unumstritten, akzeptieren die meisten Journalist_innen die Möglichkeit eines Werther-Effekts – schon der Bericht über Suizid kann eine Suizidwelle auslösen oder beschleunigen. Dass es diese Zurückhaltung gibt, zeigt sich bereits daran, dass in der Europäischen Union jedes Jahr mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle ihr Leben verlieren. Während aber die mediale Berichterstattung kaum über Suizide berichtet, vergeht kein Tag ohne Meldungen über tödliche Verkehrsunfälle. Es ließen sich weitere Beispiele finden, dass schon die mediale Berichterstattung, also letztlich das Lehrbuchbeispiel einer idealerweise interesselosen Information, Handlungskraft bis hin zur Begünstigung oder gar Verursachung von Selbsttötungen entfalten kann. Es zeigt sich: Sprache kann (indirekt) töten.

Es scheint gleichwohl klar und plausibel, zumindest weisen verschiedene Statistiken und Studien darauf hin, dass die meisten Menschen, die durch Sprache sogar noch in ihrem Lebenswillen angegriffen werden können, Symptome einer Depression aufweisen. Es geht mir hier nicht um eine Kritik an der gesellschaftlichen Rezeption des Krankheitsbildes „Depression“, sondern ich möchte das Prädikat „depressiv“ als einen argumentativen Angelpunkt verwenden. Wir wissen, dass depressive Menschen eine höhere Selbsttötungsgefährdung haben als nicht-depressive Menschen. Wir wissen, dass depressive Menschen eher emotional instabil sind und wir wissen, dass emotional instabile Menschen sich schlechter dagegen schützen können, durch Sprache „getriggert“ zu werden. Wir können uns also wohl den Schluss erlauben, dass depressive Menschen eine größere Gefährdung haben, dass Sprache sie (indirekt) tötet.

Wir wissen aus vielen Studien, dass lsbtiq-Jugendliche häufiger Suizid versuchen oder begehen als heterosexuelle Jugendliche. Die Ursache hierfür im wenig auf Akzeptanz gerichteten schulischen, kirchlichen oder leider auch oft familiären Umfeld zu sehen, dürfte allen billig und gerecht denkenden Menschen sofort plausibel sein, auch wenn sie von offen homophober Seite bestritten wird. Es ist mag überaus ekelhaft und heuchlerisch sein, selbst zu einem Missstand nach Kräften beizutragen, um dann diesen Missstand als Argument für die eigene Beförderung des Missstandes heranzuziehen, aber für mein materiales Argument ist das hier eher unerheblich: Die höhere Suizidalität unter lsbtiq-Jugendlichen wird nicht einmal von homophober Seite bestritten. Da wir nun wissen, dass depressive Menschen eine erhöhte Suizidalität aufweisen, dürfen wir schließen, dass lsbtiq-Jugendliche öfter depressiv sind als heterosexuelle Jugendliche. Das ist also ein unbestrittenes empirisches Faktum und namentlich Frau Maischberger wurde hierauf im Vorfeld ihrer Sendung offensichtlich deutlich hingewiesen. Ihre Redaktion hätte dazu schließlich nur die Texte ihrer homophoben Gäste zur Kenntnis zu nehmen brauchen. Die Unterstellung, ihre Redaktion betriebe diese Form der Recherche, bitte ich mir nachzusehen. Kurz, wir dürfen annehmen, dass Sandra Maischberger weiß, dass lsbtiq-Jugendliche häufiger depressiv und stärker suizidgefährdet sind als heterosexuelle Jugendliche. Wir müssen nun aber schließen, dass lsbtiq-Jugendliche eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass Sprache sie (indirekt) tötet.

All dies hat Sandra Maischberger aber nicht davon abgehalten, Gäste in ihre Talk-Show einzuladen, die nicht für ihre sachliche Diskussion – sofern man das Bestreiten der Menschenwürde ganzer Bevölkerungsteile überhaupt sachlich diskutieren kann – bekannt sind, sondern für ihre emotionalisierte Polemik und ihren Hass. Sandra Maischberger musste also annehmen, ihre Gäste würden auf eine Art und Weise über Homo- oder Transsexualität reden, die geeignet ist, depressive lsbtiq-Jugendliche zu „triggern“, so dass es wenigstens wahrscheinlicher würde, dass diese nach dem Ansehen ihrer Sendung einen Selbsttötungsversuch unternehmen. Hier herrscht sicher kein Determinismus, aber die Verschiebung der Wahrscheinlichkeit ist offenkundig und was wahrscheinlicher ist, realisiert sich trivialerweise mit einer höheren Wahrscheinlichkeit. Es ist also durchaus möglich, dass am heutigen Tage ein Mensch nicht mehr lebt, der noch leben würde, hätte Sandra Maischberger nicht ihre Quote über die Menschenwürde gestellt. Selbst wenn es nicht so ist, was ich sehr hoffe, hat sie, so sie nicht völlig blind ist, den Eintritt dieses Sachverhalts im Eigeninteresse billigend in Kauf genommen. Stellte sie das Eigeninteresse nicht über die Würde anderer Menschen, hätte sie nicht die übelsten Scharfmacher der Debatte eingeladen.

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Der Fußballspieler und der cis-hetero

Es ist ja irgendwo schon gut, dass sich so viele (cis-hetero)-Menschen um mich herum wundern, dass es eine Zeitungsmeldung wert ist, wenn sich ein Profifußballer als schwul „outet“. Es zeigt, dass in weiten Teilen dieser Generation eine angenehme Entspannung eingetreten ist. Schwul – so what? Das Thema ist nicht mehr abendfüllend.

Stimmt, allerdings stimmt es vor allem für die größeren Städte und besser gebildete Schichten. Für viele junge Schwule und ganz besonders auch die noch viel weniger sichtbaren Lesben – überhaupt für das ganze lsbtiq-Spektrum – stimmt es nicht, gerade wenn sie auf dem Land hocken oder sich nachmittags eher auf dem Bolzplatz oder abends vor der Glotze hocken, auf der eher Unterhaltungssendungen als Dokumentationen oder Autorenfilme laufen. Es ist nichts falsch an diesem Lebensstil, es kommen nur eher wenig Schwule und Lesben in dieser Lebenswelt vor. Um so wichtiger ist es für junge Schwule und Lesben, Vorbilder (und ja: auch Held_innen) in den gesellschaftlichen Systemen zu finden, die für sie relevant sind. Und tja, das ist eben der Profisport und nicht die Kabinettssitzung. Das sind Dinge, die man™ cis-Heten manchmal noch erklären muss. Macht aber nix, hab ich ja jetzt.

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Es ist bloß Hass – 2

Wo wir gerade bei Hass waren. Die Facebook-Diskussion zum öffentlichen Schlaganfall des ehemaligen Die-Renten-sind-sicher-Ministers Blühm ist auch ein Autounfall. Man sollte nicht hinsehen, aber es ist schwer, wegzuschauen:

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Wie man sich bettet…

Ich kenne schon komische Leute, die noch komischere Leute kennen:

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Es ist bloß Hass

Es wird Zeit, dass wir endlich offen sagen, um was es sich bei dieser Monomanie handelt, ständig auf den Rechten von Lesben und Schwulen herumzuhacken und es nicht einfach mal gut sein lassen zu können: Es ist Hass. Es ist ein Hass gegen das Fremde und die Abweichung.

Wir kennen diesen Hass aus der Vergangenheit nur zu gut und so wie wir heute über Rassisten und Antisemiten denken, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft auch über Homophobe denken: als ewig gestrige, die aus uns völlig unverständlichen Gründen Hass verbreiten.

Nun, Herr Blüm gehört jetzt auch dazu. Seine Entscheidung.

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Was mancher Nerd mit Merkel gemeinsam hat…

In seiner späten Schrift zur Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft vergleicht Kant zwei religiöse Ausdrucksweisen miteinander:

Von einem tungusischen Schaman, bis zu dem Kirche und Staat zugleich regierenden europäischen Prälaten, oder (wollen wir statt der Häupter und Anführer nur auf die Glaubensanhänger nach ihrer eignen Vorstellungsart sehen) zwischen dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der die Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt, mit dem kurzen Gebet: »Schlag mich nicht tot!« bis zum sublimierten Puritaner und Independenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in der Manier, aber nicht im Prinzip zu glauben; […] (Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, in: Kant-Werke Bd. 8, hier: S. 848).

Ein ebenso mächtiger Abstand in der Manier, also in den äußeren, ästhetischen Elementen im Umgang mit der NSA-Affäre besteht zweifelsohne zwischen der Netzszene im weitesten Sinne und dem öffentlichen, d.h. hier: dem (partei-)staatlichen Deutschland. Einerseits ein bis zum Alarmismus reichendes Narrativ des post-paranoiden „told you so: we’re all fucked“, andererseits ein beruhigendes Einlullen, das jede Kritik in einem völlig effekt- und konsequenzlosen „Mutti kümmert sich doch“ ersäuft. Es scheint, es könnte zwischen beiden Seiten kein größerer Abstand bestehen.

Dennoch teilen beide ein Prinzip miteinander: Das Prinzip eine Deutungshoheit für sich zu beanspruchen und sich um die Codierung der NSA-Affäre im öffentlichen Bewusstsein zu streiten. In beiden Fällen wird eine Linie gezogen, die ein Diesseits und ein Jenseits erschafft. Staatlicherseits wird die Vernunft der sachlichen Auseinandersetzung gegen die antiamerikanische Paranoia gestellt. Netzseitig wird beispielsweise eine Linie zwischen denen gezogen, die die Situation durchschauen, und denen, die auf eine Propaganda hereinfallen oder sich qua Kritik am Datenschutznarrativ ohnedies auf die Seite des „Bösen“ gestellt haben. In beiden Fällen wird ein Signifikationssystem errichtet, das die Interpretation vorgibt und die Interpretationsmacht einer Art Priesterkaste zuweist, die neben der Interpretation noch die Form der Vernunft hütet. Staatlicherseits sind es Minister und Leiter nachgeordneter Behörden, die die Snowden-Enthüllungen auszulegen haben. Der konkrete Auslegungsinhalt mag sich unterscheiden, aber die Form ist netzseitig gleich: einzelne Blogger oder Aktivisten beanspruchen das Narrativ und gelangen wie durch ein Wunder zu der Auffassung, sie selbst hätten es ja gleich gewusst. Das Wunder ist natürlich Effekt der Selbstanwendung der Vernunftform. Die Zentren der Signifikationssysteme sind materiell unterschieden: staatlicherseits ein durch die FDGO codiertes öffentliches Interesse von Staat und folglich Volk, netzseitig ein durch dystopische Szenarien codiertes Allgemeininteresse von Volk und folglich Staat. Beide Zentren codieren also einen Schutzanspruch: das Gemeinwohl als Objekt staatlichen Handelns oder als Objekt aktivistischen Verbraucherschutzes. Mit der letztlichen Form als Verbraucherschutz erkennt man auch leicht die Beschränktheit des netzseitigen Narrativs: Der hier formulierte „Menschenschutz“ läuft immer wieder auf den „Datenschutz“ zurück und findet in ihm die einzig mögliche Aktualisierung.

Kommen wir aber zurück auf die geteilte Struktur der Signifikationssystems: beiden ist, wenig überraschend, auch die Aktualisierung in Handlungen gemein. Handle stets so, dass Du dem öffentlichen Interesse entgegen arbeitest. Such Dir einen steuerpflichtigen Job und verschlüssele Deine Daten. Typisch für liberale Gesellschaften zielt die Anweisung nicht mehr darauf, was zu tun, sondern wie es zu tun ist. Diese Arbeitsteilung hat solange funktioniert, wie beide Zentren die „quasi-modalen Schutzinteressen“ wechselseitig anerkennen konnten. Damit konnte sich auch der CCC zu einer in der Außenwirkung staatstragenden Organisation der bürgerlichen Gesellschaft entwickeln. Ob diese Arbeitsteilung weiterhin bestehen kann, hängt allerdings einseitig von der staatlichen Fähigkeit und Bereitschaft ab, die Netzszene und ihre etablierten Vertreter_innen in die öffentlichen Legitimationsmaschinen einzubinden, von denen Verhandlungen in Karlsruhe nur die medienwirksamsten sind.

Schließlich teilen beide die Funktion, Teile des Äußerungsgefüges, das von ihnen nicht positiv unter das eigene Interpretationsregime gebracht werden können, negativ als deviant oder irrational zu markieren. (Dass damit die eigene Position als neutral markiert wird, haben wir oben schon gesehen.) Die negative Markierung erfordert, plakativ gesprochen, mögliche Gesprächspartner_innen vor die Tür zu setzen, sobald sie nicht positiv subsumiert werden können (etwa im Falle der Datenschutzkritik) oder die Form des Äußerungsgefüges kritisieren (etwa im Falle der Sexismuskritik oder sogar im Falle dieses Blogeintrags). Stellt beispielsweise, jetzt netzseitig gedacht, ein Narrativ die Relevanz der Interpretation in Frage, muss dieses Narrativ als Propaganda o.ä. verworfen werden: Stimmst Du mir nicht zu, dann fällst Du auf die Propaganda rein – und wir sind schließlich die Guten. (Als ob wir es geschafft hätten, zu einer Art Banalität des Guten zu gelangen.) Es würde sich lohnen die Korrespondenzen unter den Ausgestoßenen zu kartieren.

Entsprechend braucht es niemanden zu wundern, wenn in bloß auf die Intensität gerichteten Signifikations- und Interpretationssystemen (die eigentliche Form postdemokratischer Diskurssysteme) auch die äußersten Mittel des Kommunikationsabbruchs einander gleichen: Hier wie dort ist es das Pöbeln, wie man netzseitig in so manchem viel gelesenen Blog, staatsseitig in so mancher offen irrationaler oder persönlich angehender Politikeräußerung besichtigen kann.

Die Folgen sind einigermaßen unappetitlich: Es ist zwar richtig, dass die Form netzseitig die staatlich organisierte, folglich zentralistische Form des Signifikations- und Interpretationssystems stellt. Es ist aber auch richtig, dass es die Form bloß reproduziert und sich einer möglichen Reflexion verschließt. Die staatliche Form lässt sich so nicht mehr unterlaufen und der Konflikt degeneriert zu einer bloßen Kraftfrage: Wer hat mehr Geld, den längeren Atem und mehr Personal? Ich fürchte, diese Frage wird für die Netzseite nicht gut ausgehen.

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Ethikkommissionen

Die Geschichte der Ethikkommissionen ist eine Geschichte voller Missverständnisse und auch heute noch glauben viele Bürgerinnen und Bürger, es handele sich nicht um eine Vorfeldorganisation zum Austesten gesellschaftlich akzeptabler Grenzen. Deshalb ist es mir wichtig für die universitäre Philosophie zu sprechen. Denn die universitäre Philosophie bleibt nicht an der Oberfläche wie politische Ethikräte, sondern nicht nimmt das Problem da auf, wo es passiert: im Inneren der praktischen Vernunft.

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Webcam-Pappe

Hm… man sieht ja immer mal Leute, die die Webcam ihres Notebooks mit einer kleinen Pappe abkleben, damit SIE™ ihnen nicht beim Arbeiten zusehen können. Damit müssen sie aber doch zugeben, dass sie es für möglich halten, dass ihr Notebook kompromitiert ist. Gleichzeitig haben diese Leute aber vermutlich kein Problem damit, auf den Maschinen zu schreiben, private Schlüssel dort aufzubewahren und Passwörter einzugeben. Das unterstellt, stellt sich die Frage: Wieso haben sie ein größeres Problem damit, dass SIE™ ihnen ggf. beim Schreiben zusehen können, als damit, dass SIE™ ggf. lesen können, was sie schreiben? Was verstehe ich da nicht?

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Wohl doch kein Panopticon…

Wenig überraschend wurden meine beiden Talks für den 30c3 in Hamburg abgelehnt. (Der eine Einreichungstext befindet sich hier.) Ich bin nicht wirklich enttäuscht, denn eine Annahme hätte ich als ziemliche Überraschung empfunden: Die c3-Einreichungen werden leider seit einigen Jahren immer politischer ausgewählt, während gleichzeitig die üblichen Verdächtigen, die uns schon seit Jahren das gleiche erzählen, stets ins Programm aufgenommen werden. Das mag weniger die technischen, als viel mehr die gesellschaftspolitischen Talks betreffen, schadet hier aber kein bisschen weniger. Der CCC beziehungsweise der c3 scheinen immer weniger in der Lage zu sein, sich inhaltlich mit abweichenden Meinungen zu befassen oder überhaupt das Risiko einer inhaltlichen Diskussion eingehen zu wollen. Den ziemlich bescheuerten, weil komplett inhaltsfreien Umgang mit der Spackeria, zu der ich sicher nicht gehöre, finde ich hier ein deutliches Beispiel. Wie dem auch sei, ich hätte Ende diesen Jahres ohnehin nur mit Mühe die Muße für den 30c3 finden können und fühle mich durch die Ablehnung durchaus von einer Last befreit. Außerdem kann ich meinen Talk noch immer woanders einreichen. Mich frustriert eher, dass auf die unübersehbare Ideologisierung der CCC-Diskussionskultur folgen wird, was auf so eine Entwicklung immer folgen muss: der schlussendliche Bedeutungsverlust.

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