Soll man Nazis töten? Notizen zum Problem der offenen Debatte

TL;DR/DU: Die Rechten fordern nur zum Schein eine »offene Diskussionskultur«. Man darf ihnen nicht auf den Leim gehen.

Es kommen ja immer mal wieder Leute mit der Position an, man müsse das Recht auf eine offene Debatte gegen diejenigen verteidigen, die „immer gleich“ „Nazi!“ rufen. Diese Position ist natürlich Käse, allein da niemand „immer gleich“ „Nazi!“ ruft, auch wenn sich die Nazis das natürlich so einbilden, so einbilden müssen: Sie ruft man ja tatsächlich immer gleich „Nazi!“ – was denn auch sonst? Waschmaschine? Diese subjektive Erfahrung aber generalisieren zu wollen, hätte etwas davon, dass ich mir einbildete, ausnahmslos alle Menschen würden als dick bezeichnet werden, da ich so bezeichnet würde. Man könnte also das Geheule einfach Geheule sein lassen, wäre die genannte Position nicht so lästig wie eine unerwartet flinke Obstfliege. (Zur ausgewachsenen Schmeißfliege reicht es angesichts ihrer argumentativen Schwachbrüstigkeit nicht.) Lässt man das Geheule also nolens volens nicht einfach Geheule sein, so müsste man wohl etwas antworten wie:

Selbst wenn man die Position verträte, dass das Recht auf eine offene Debatte jederzeit und gar schrankenlos zu verteidigen sei, so müsste man doch zugeben, dass wir einige Anforderung zu stellen hätten, damit eine Debatte auch Debatte zu nennen sei. Stellte man überhaupt keine Anforderungen an die Form der Debatte, wäre auch die Verweigerung zur Debatte eine solche, aber die Inhaber*innen der genannten Position könnten dies gerade nicht so sehen, ohne ihrer Inhaberschaft derselben verlustig zu gehen. Es gibt also Anforderungen an die Form der Debatte. Ich schlage zwei weitere Anforderungen vor, die insbesondere auch offene Debatten auszuzeichnen haben: Sie müssen erstens ergebnisoffen sein, und es muss sich zweitens um Debatten unter Gleichen handeln. Es ist keine offene Debatte, wenn von vornherein eine Asymmetrie zwischen den an der Debatte beteiligten Personen besteht oder das Ergebnis – zumal aus logischen Gründen – bereits festliegt. Einverstanden? – Gut, denn: Was die Nazis unter dem Deckmantel einer offenen Debatte fordern, ist in diesem Sinne keine offene Debatte, da sich bereits aus der vorgeblich offen zu debattierenden Fragestellung eine Asymmetrie zwischen den beteiligten Personen ergibt, aus denen bereits das Ergebnis folgt: In Frage stehen bei dem, worüber die Nazis eine offene Debatte fordern, nämlich die Rechte nur einer Seite, die gerade nicht die ihre ist. Es geht um die Frage, ob diese oder jene Gruppe die vollen Menschenrechte verdiene, ob diese oder jene Gruppe deportiert werden solle, ob diese oder jene Gruppe gar den Tod verdiene. Es steht nicht in Frage, ob die Nazis die vollen Menschenrechte verdienten (tun sie mit den dort formulierten Einschränkungen für Leute, die die Menschenrechte bekämpfen), ob sie deportiert werden sollten (wohin denn bitte?) oder man sie gar ums Leben bringen sollte (Nein). Die Fragestellung der Nazis legt von vornherein eine Seite auf eine existentielle Frage fest, ohne dass sich die Nazis selbst auf eine existentielle Frage festlegen müssen. Damit führen sie eine Asymmetrie ein, durch die eine Seite nicht mehr auf (angebliche) Argumente reagieren kann, da jede Abwägung eines Arguments bereits die Abwägung des eigenen (Existenz-)Rechts beinhaltet. Wenig überraschend können die Nazis damit die Karte spielen, sie selbst seien offen für diese Debatte, aber die andere Seite nicht – schließlich wird niemand ernsthaft an der Diskussion teilnehmen, ob er oder sie selbst ums Leben gebracht werden solle. Es gibt keinen Kompromiss, es kann keinen geben: niemand kann „offen“ für selbstmörderische Vorschläge sein. Es ist keine offene Debatte: Sie ist weder ergebnisoffen, noch findet sie unter Gleichen statt. Sie ist ab ovo einseitig, asymmetrisch, geschlossen und existentiell bedrohend – kurz: Sie ist Gewalt.

Es wäre ein riesiger zivilisatorischer Fortschritt, würden die, die den Nazis deren angeblich offene Debattenkultur zugute halten, dies endlich kapieren. Man müsste vielleicht gar nicht die eigene Position ändern. Man müsste nur akzeptieren, dass in Konsequenz auch Debatten mit Nazis über die Frage, warum man sie nicht alle auf die Rheinwiesen deportieren sollte, als offene Debatten zu führen wären. Ich verspreche: Das Geheule der Nazis wäre gewaltig!

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Follow your dreams oder so

Vor 20 Jahren oder so brachte ich einmal das Thema auf, ob ein System evakuierter Röhren nicht mangels Luftwiderstand eine spannende Idee für ein Transportsystem sei. Ich wurde damals für diese „schwachsinnige“ Idee prompt verarscht und da ich weder über die nötige Ingenieursqualifikation verfügte (damals wie heute übrigens nicht), noch die Idee wirklich durchdacht hatte, zog ich den Schwanz ein und brachte das Thema nicht mehr auf. Ich will nun nicht implizieren, ich sei damals genial gewesen, hätte irgendeine Substantiierung für die Idee vorbringen können, die über wirres Gerede hinausgegangen wäre, oder gar dass, es überhaupt eine sonderlich gute Idee ist, aber ich finde es witzig, wenn ich nun von Hyperloop lese:

Der Hyperloop ist ein Konzept für ein Hochgeschwindigkeitstransportsystem technisch ähnlich wie der Transrapid aber in evakuierten Röhren. Es sollen nach dem Konzept der Rohrpost durch Solarenergie elektrisch getriebene Transportkapseln mit Reisegeschwindigkeiten von bis zu etwa 1125 km/h auf Luftkissen durch eine teilevakuierte Röhre befördert werden. [Wikipedia]

Vielleicht hätte ich bei Ideen, die andere als „schwachsinnig“ qualifiziert haben, nicht immer so schnell zurückstecken sollen? 😉 – Im Ernst: Die meisten Ideen, die man mal so nebenbei hat, sind tatsächlich blödsinnig, aber dennoch sollte man sich nicht von der ersten Kritik, zumal polemischer Kritik, entmutigen lassen. Manchmal lohnt es sich, stur zu sein, solange man nicht zu stur ist und von sachlichen Einwänden nichts hören will. Follow your dreams but please try to wake up sometimes oder so.

Wie so oft steckt eine zweite Geschichte in dieser ersten: Als ich Vorstandsmitglied von our generation in Frankfurt/Main, einem Verein für (damals) lesBiSchwule Jugendliche, war (von 2000 bis 2005), hatte ich ebenfalls eines Schnappsidee: Man solle doch ein eigenes Jugendzentrum anstreben – die Idee war freilich vom anyway (Köln) geklaut, war also nicht schlechterdings unrealistisch. Ich habe damals viel, auch institutionellen Widerstand erfahren und musste mir mehr als einmal anhören, was für eine blöde und unrealistische Idee das sei. Während der Planung einer entsprechenden Kampagne an einem Wohnzimmertisch eines Vorstandskollegen im hessischen Hinterland kam dessen Freund herein und sprach: „Kai, Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Dir mal jemand Geld für diesen Schwachsinn gibt! Bist Du so arrogant, dass Du Dir das einbildest!?“ – Ich bin freilich nicht der einzige gewesen, der am Ende dieses Zentrum wollte und ich will nicht im geringsten andeuten, die Kampagne und alles, was ihr folgte, sei eine one man show gewesen – das genaue Gegenteil war der Fall, es gehörte außerdem noch viel Glück dazu und ich war ab 2005 auch nicht mehr dabei gewesen. Ich will nur sagen: Es brauchte den Anfang eines sturen Bocks, der sich ausnahmsweise mal nicht hat beirren lassen. Zwar dauerte es noch bis 2010, bis das Kuss 41 in Frankfurt eröffnet wurde, ich rechne mir aber an, dass dies ohne die immer wieder vorgebrachte Forderung nicht möglich gewesen wäre – allein da schon der Verein selbst von dieser Forderung überzeugt werden musste, wie etwa ein damaliger Vorstandskollege: „Kai, man muss erst laufen können, bevor man rennen lernt“, worauf ich sagte: „Man lernt laufen, um rennen zu können.“

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Ungleiches ungleich, Gleiches gleich behandeln

Wenn jemand das Denken nur auf der Latrine geübt hat, braucht es nicht zu wundern, dass alles, was dieser jemand als Gedanken ausgibt, erbärmlich stinkt. So verhält es sich auch mit denen, die sagen, dass man gleichgeschlechtliche Paare in der Lebenspartnerschaft der BGB-Ehe völlig gleichstellen solle, den Namen „Ehe“ aber nicht zuschreiben solle, denn dieser bedeute ja irgendetwas und das schon seit ungefähr drölfzigtausend Jahren. Zwar habe er in dieser Zeit gewiss so ziemlich alles bedeutet, aber dass er irgendwann auch einmal eine „gleichgeschlechtliche Ehe“ bedeutet habe, davon haben diese Jemande auf der Latrine freilich noch nichts gehört. Also pressen sie als Produkt auf oder aus ihrer einfachen Toilettenanlage ohne Spülung etwas heraus, was sie mangels Sauerstoffs als kritischen Gedanken imaginieren: Man müsse gleich stellen, aber dürfe nicht gleich nennen. Denn es sei nicht das gleiche. Aber was gleich sei, müsse man gleich behandeln, aber was ungleich sei, das müsse man ungleich behandeln. Deswegen ist ihnen auch so wichtig, dass sie völlig auf der Seite der völligen rechtlichen Gleichstellung stehen, es also nach ihnen gnadenvollst keine Ungleichbehandlung mehr geben solle. Die Lebenspartnerschaft solle in allen rechtlichen Folgen gleich der Ehe behandelt werden, aber da man nur das, was gleich sei, gleich behandeln dürfe, und jene dieser nicht gleich sei, dürfe sie nicht gleich behandelt werden. In allem sei sie also gleich zu behandeln, aber doch bitte wenigstens nicht im Namen. Das ist nun also der einzige Moment ihrer Ungleichheit, der sich daran rechtfertigt, dass sie ungleich ist, was man nach der völligen rechtlichen Gleichstellung, die auch von der Latrine aus gefordert wird, allerdings nur noch am Namen ersehe. Der Name müsse ungleich sein, weil… der Name ungleich sei. Der Name dürfe nur gleich sein, wenn… er schon gleich wäre. Bekanntlich verändert sich auch das Brot, wenn man es über die Grenze nach Frankreich trägt. Es mag ein und dasselbe Brot sein, heißt nun aber pain und ist damit etwas anderes geworden. Kommt es auf den Namen an, dann ist die Ungleichheit trivial und nur Dummköpfe glauben an sie. Kommt es nicht auf den Namen an, darf er nicht als Grund der Ungleichheit herhalten, aber dann darf sich die Ungleichbehandlung auch nicht in ihm erschöpfen. Dann müssten diese Latrinendenker eine Ungleichbehandlung jenseits des Namens fordern. De facto tun sie das zwar, weil sie natürlich homophobe Scheißer sind, aber das bestreiten sie freilich gänzlich. Es ist ihnen wohl genug, dass man ihre Nähe zu braunen Massen bereits olfaktorisch auf die Nase gebunden bekommt. Bestritten sie uns aber diese Diagnose, müssten sie zugeben, dass sie etwas, was von ihnen als ungleich definiert wurde, als gleich zu behandeln forderten. Das ist unlogisch genug, dass nur jemand, der an besagtem Ort das Denken geübt hat, es für argumentativ vertretbar hielte, während doch alle anderen daran zu erinnern hätten, dass man das Denken, wennschon einem natürlichen Bedürfnis folgend, doch bitte nicht auf einer Latrine, sondern auch einem WC, das der Latrine schließlich doch auch völlig ungleich sei, üben möge, damit man, wenn man allzu große Scheiße fabriziert hätte, sie wenigstens wegzuspülen im Stande wäre. Es gilt doch: Gleiches solle man gleich, Ungleiches aber ungleich behandeln. Der hier vorgeführte Unrat ist einem jeden möglichen und einem jedem realen Gedanken ungleich. Die Latrinendenker sollten also nicht verlangen, dass ich ihre Verbalexkremente mit der gleichen Ernsthaftigkeit bedenke, wie ich es bei wirklichen Gedanken zu tun pflege.

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Vor großen Fragen wird gewarnt…

Ich habe mir erzählen lassen, dass die Philosophie außerhalb der Elfenbeintürme gerade eine Renaissance erlebe, da es wieder eine Lust auf große Fragen gebe und es schließlich die Philosoph*innen seien, die hier Antworten wüssten, die man nicht mal eben googlen könnte. – Stellen wir dazu eine mittelgroße Frage: Ist das ein Problem?

Die Antwort lautet: Ja.

Die großen Fragen sind ein Problem, weil sich Probleme immer auf eine bestimmte Weise stellen. Und es sind immer die Fragen, die fundamental sind und deren Antworten nur trivial oder radikal sein können. Sie sind fundamental, weil sie, wenn man sie ernst nimmt, grundsätzliche Fragestellung danach berühren, wie wir unser Leben, unser Gemeinwesen, unsere Institutionen etc., also überhaupt die ganze Macht organisieren wollen. Nehmen wir beispielsweise die Frage nach der Gerechtigkeit, die sich nicht ernsthaft stellen lässt, ohne unser ganzes System von Eigentum mit all seinen Facetten in Frage zu stellen. „In Frage stellen“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Es geht nicht darum, dass die Frage nur gestellt werden kann, indem das, was „in Frage gestellt“ wird, verworfen wird. Es geht darum, dass die ernsthaft gestellte Frage allem, was sie „in Frage stellt“ einen Moment der Offenheit, der Kontingenz zumutet, so dass die Antwort auch lauten kann, dass die Anarchist*innen, die jedes Eigentum von vornherein als Diebstahl abgelehnt haben, schon immer Recht hatten – und es kann eben auch bedeuten, dass die Anarchist*innen, die jede Besteuerung für Diebstahl und das Eigentum für das einzige Naturrecht halten, schon immer Recht hatten. Die Frage, so sie ernsthaft gestellt ist, reißt einen Raum der Antwort auf, die auch radikal sein kann, sein können muss. Es ist klar, dass in einem geordneten demokratischen Gemeinwesen bestimmte radikale Positionen von vornherein nicht in Frage kommen können. Sie müssen von vornherein ausgeschlossen werden. Wir dürfen die Gerechtigkeit diskutieren, aber alles Eigentum in Volkseigentum überführen zu wollen, das ist vorab fein säuberlich ausgeschlossen. Das Ergebnis ist eine sozialdemokratische Philosophie – als ob die sozialdemokratische Politik, die vorauseilendes Umfallen mit „staatstragenden“ Kompromissen zu verwechseln pflegt, nicht schon genug Schaden angerichtet hätte…

Die große Frage ist von vornherein vergiftet, wenn die möglichen Antworten bereits vorstrukturiert sind. Es ist gerade die Pointe an den großen Fragen, dass sie nicht vorstrukturiert und vorstrukturierend sein dürfen. Als solche sind die höchstens mittelgroße Fragen. Und das legt die möglichen Antworten auf „radikale“ und „triviale“ Antworten fest: Die radikalen werden ausgeschlossen, damit die Ordnung nicht Frage gestellt wird. Die trivialen Antworten sind erlaubt, die die Ordnung, also die bestehenden und daher stets vernünftigen Verhältnisse, jederzeit bestätigen und wieder errichten.

Wenn sich die Philosophie auf dieses Spiel einlässt, die Fragen also „ordentlich“ beantwortet und eben nicht „radikal“, stellt sie sich in den Dienst der geordneten Verhältnisse. Damit leiht sie dem status quo etwas von ihrer Legitimation. Das kann man machen, klar, sollte aber nicht so tun, als hätte man sich nicht der doxa unterworfen. Und man sollte sich nicht wundern, wenn die Renaissance ein kurzer Hype ist, der endet, sobald das Publikum die Antworten wieder langweilig findet. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass man die großen, fundamentalen Fragen damit denen überlässt, die sich gerne aus politischen und nicht aus philosophischen Gründen radikal geben.

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Der Herr der Maschinen

Ich muss gerade daran denken, wie ich mich mal über eine sehr sehr dumme Bemerkungen über den Windows-Update-Mechanismus in einem Text, von dessen redaktioneller Betreuung ich nicht unendlich weit entfernt war, beklagte, aber nicht erhört wurde. Ich muss auch daran denken, wie mal jemand auf einer Veranstaltung aus dem Publikum fragte, ob man zulassen solle, dass Windows Updates einspiele, man wisse doch gar nicht, was da durch die Leitung komme. Es wäre doch gewiss sicherer, Updates abzulehnen.

Ein wesentliches Problem an Updates ist nicht, dass es sie nicht oder nicht rechtzeitig gäbe, sondern das sie die hochnotbescheuerte Fiktion durchbrechen, man beherrsche auch nur Ansatzweise, was auf der Maschine stattfindet. Da der Technikpessimismus in seinen dümmlicheren Formen das Problem mit der Technik auf ein triviales Autonomie-Problem reduziert, verhindert er einen differenzierten Umgang mit dem Problem und setzt an die Leerstelle, an der eine gute Lösung sein sollte, einen Cargo-Cult, in dem die sachliche Entscheidung durch die alternativ-sachliche Entscheidung ersetzt wird: Ich beherrsche die Maschine, ich lehne Updates ab! Sie gehorcht, also beherrsche ich sie und nicht sie mich. – Dass das an Impfkritik erinnert, ist kein Zufall.

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Deutscher Hochschulverband goes AfD?

Der Deutsche Hochschulverband hat eine Resolution zur Streit- und Debattenkultur an deutschen Universitäten verabschiedet. Es geht, wenig überraschend, um die „Political Correctness“. Man ist besorgt, dass die freie Welt der Debatten- und Streitkultur an den Universitäten erodiert, weiß aber glücklicherweise genau, wer daran Schuld hat: Es ist das Streben nach Toleranz, das auf die Forderung nach „Political Correctness“ hinausläuft. Wissenschaftlich, wie man es von einem Hochschulverband erwarten darf, gönnt uns die Pressemitteilung des Hochschulverbands zunächst keine Definition, sondern beschränkt sich auf das bekannte Geheul gewisser rechter Parteien: Sicher sei das Anliegen, einen sensiblen Umgang mit Minderheiten zu pflegen, berechtigt, erklärt man uns, bevor man aber das Wasser nicht mehr halten kann und das Lieblingswort aller neuen Rechten in den Mund nimmt: „Tugendterror“, der es nämlich sei, in dem abweichende wissenschaftliche Meinungen als unmoralisch stigmatisiert würden, womit jede konstruktive Auseinandersetzung bereits im Keim erstickt werde, was zu Feigheit und Anbiederung führe. – Das jenseits von Feigheit und Anbiederung der Mut zur Wahrheit liegt, sei hier nur als Korollar notiert. – Entsprechend sind auch die Studierenden als Schuldige auszumachen, die im Land des großen Sittenverfalls – den USA nämlich – eine „Deutungshoheit für vermeintlich politisch korrekte Lehrinhalte“ reklamierten. Diese Studierenden dürfen, so viel ist wohl klar, nicht als Studierende bezeichnet werden. Die, die sich gegen den hier wie dort an den Universitäten grassierenden (Hetero-)Sexismus wehren, sind, so stellt die Pressemitteilung klar, „studentische Aktivisten“. Damit niemand auf die Idee kommt, der Wunsch von Studierenden, an den Universitäten respektiert zu werden, brauche uns in unserer Komfortzone nicht zu stören, da es ja bloß ein amerikanisches Phänomen sei, informiert uns der Hochschulverband sicherheitshalber, dass es bereits erste Anzeichen auch hierzulande gäbe und damit wir nicht vergessen, in welcher Gefahr die deutschen Universitäten schweben, sind diese Anzeichen: „alarmierend“. Und alarmierend sind diese Anzeichen tatsächlich, denn schließlich würden Wissenschaftler durch Proteste gehindert, in Universitäten aufzutreten und ihre wissenschaftlichen Thesen vorzutragen, so erklärt man uns, und zwar lediglich da sie einer „Political Correctness“ zuwider liefen. Nun muss freilich klargestellt werden, dass das berechtigte Anliegen, an den Universitäten respektiert zu werden, durch die „studentischen Aktivisten“ „in das Gegenteil“ verkehrt würde, denn diese „Political Correctness“ ist: „selbst definiert“. Dies ist in der Tat ein grauenhafter Vorwurf, der klarmacht, warum die „Political Correctness“ bereits von vornherein keinerlei Kredit besitzt, denn schließlich ist nichts schlimmer als eine selbst gemachte Definition. Bekanntlich dürfen nur natürliche Definitionen, wie man sie etwa wohl in Bergwerken findet, neben den Definitionen, die man der Tradition entnimmt, also artig und mit Quellennachweis wiederholt, anerkannt werden. Man mag sich nicht ausdenken, was mit der „Universität als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“ geschehen würde, wenn diese nicht „ein Ort des freien und offenen Meinungsaustausch“ bliebe, sondern durch „studentische Aktivisten“ und ihren „selbst definierten“ Vorstellungen mit „Denk- und Sprechverboten“ durchsetzt würden. Entsprechend, so erfahren wir, dürfte es für Studierende keine „geistigen oder ideologischen Komfortzonen“ an den Universitäten geben, denn schließlich verlange das „kritische Denken, das an der Universität gelehrt und eingeübt wird, … die Fähigkeit zur Selbstkritik“. Wer eine Universität betrete, müsse bereit sein, so heißt es weiter, „mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, die dem persönlichen Weltbild zuwiderlaufen, und in der Lage sein, sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen“. Es ist erfreulich, dass der Deutsche Hochschulverband so deutlich darstellt, dass all dies auch grammatikalisch nur für Studierende gilt, die offenbar nur dann Studierende sind, wenn sie die Herren und Damen Professorinnen und Professoren nicht in ihrer geistigen oder ideologischen Komfortzone stören, sondern akzeptieren, dass die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden nur dann ein Ort des freien und offenen Meinungsaustausch sein kann, wenn diese artig die Klappe halten und nicht an den Definitionen jener zweifeln. Schließlich gilt: „Die Antwort auf die einseitige, pointierte, vielleicht auch verzerrende Rede ist nicht das Ende der Debatte, sondern die angemessene Gegenrede“, was aber als angemessene Gegenrede durchgeht und was zu Denk- und Sprechverboten, zu Tugendterror, zur Stigmatisierung (der Professorinnen und Professoren, denn um die Stigmatisierung irgendwelcher Minderheiten geht es hier ja nicht!), zur Feigheit und zur Anbiederung führt, das dürfen freilich nicht die „studentischen Aktivisten“ selbst definieren. Es wäre wahrlich ein alarmierendes Anzeichen, wenn nicht mehr Professorinnen und Professoren entscheiden dürfen, was andere erträglich zu finden haben.
Ich weiß nicht, was den Ausschlag gab, eine derartige Resolution zu verabschieden. Waren es vielleicht die Proteste, in denen „studentische Aktivisten“ den bestimmt hochwissenschaftlichen Beitrag eines rechtsradikalen Apparatebauers verhinderten, der von bekannten gewaltbereiten Rechtsextremisten begleitet seine sicher einer sachlichen Auseinandersetzung auf jede Weise würdigen Thesen aus seinem Fachgebiet – der Genderforschung nämlich – dem freien und offenen Meinungsaustausch zuführen wollte? Zeugt es von Tugendterror studentischer Aktivisten, wenn sie Formulierungen wie „Linksextreme Lumpen sollen und müssen von deutschen Hochschulen verbannt und statt eines Studienplatzes lieber praktische Arbeit zugeführt werden. … Nehmen Sie die linksextreme Bedrohung ernst und beteiligen Sie sich an allen möglichen Maßnahmen, um diese Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden.“ an ihrer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden verhindern wollen? Zeugt es von Charakterschwäche, wenn Minderheiten, die sich mühsam ihre Rechte erkämpfen mussten, derartige „konkurrierende Meinungen“ nicht respektieren und aushalten wollen? Zeugt es von Linksextremismus, wenn Studierende, pardon: „studentische Aktivisten“ sich hier solidarisch erklären? Oder zeugt es von einer Störung des moralischen Kompasses und zwar nicht auf Seiten der Studierenden?
Wie sollen wir hierauf antworten? Glücklicherweise weiß der Hochschulverband Rat und lässt uns durch seinen Präsidenten wissen: „Differenzen, die zu Andersdenkenden bestehen, sind im argumentativen Streit auszutragen.“ Was könnte uns helfen, die Differenzen, die wir hier empfinden, in einem argumentativen Streit auszutragen? – Wie so oft reicht es aus, ein bisschen genauer zu lesen, was der Gegner so schreibt oder über sich schreiben lässt: Blicken wir nämlich nicht in die Pressemitteilung auf der Webseite des Deutschen Hochschulverbandes, sondern in die Darstellung der Resolution auf academics.de, die der aktuellen Ausgabe der Haus-Zeitschrift „Forschung & Lehre“ des Hochschulverbandes entnommen wurde und dem Hochschulverband eine Autorenschaft attribuiert, so finden wir unter Punkt 2, der mit „‚Political Correctness‘ und Konformitätszwang“ überschrieben ist, eine Beschreibung der „Political Correctness“ aus dem Duden zitiert: Diese sei, so definiert also der Duden, eine Einstellung, „die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“. Freilich ist das nichts, dem irgendein wohlmeinender Mensch widersprechen würde, und so muss gleich klargestellt werden, dass sich diese Haltung größtenteils und in gleicher Weise aus ethischen, rechtlichen und religiösen „Wurzeln“ herleiten lasse, die überdies älter seien als die „Political Correctness“. Diese ist also anscheinend nur eine billige Kopie der weitaus älteren Quellen für anständiges Benehmen und die immense Toleranz gegenüber Frauen oder sexuellen Minderheiten seitens des Rechts oder der Religion sind offenbar so bekannt, dass sie dem Hochschulverband keines Kommentars wert sind. Die „Political Correctness“ lässt sich also mithilfe des Dudens definieren, der sie eine „Haltung“ nennt, wobei es in meiner Ausgabe des Duden heißt: „von einer bestimmten Öffentlichkeit als wichtig eingestufte Gesinnung, Haltung (die zum Ziel hat, alles zu vermeiden, was andere als diskriminierend empfinden könnten)“. Nun mag es verschiedene Auflagen des Dudens geben, nur leider gönnt uns der Deutsche Hochschulverband nicht den Luxus eines Quellennachweises. Das tut aber nichts zur Sache: Denn nachdem nachgewiesen wurde, dass es sich um eine Haltung handelt, die sich „in gleicher Weise“ aus weitaus älteren Quellen herleiten lässt, muss schnell ein Problem her, um den „studentischen Aktivisten“ ihre „selbst definierte ‚Political Correctness‘“ vorzuhalten: „In der Annahme einer engen Verbindung von Sprache, Denken und Handeln propagieren meinungsstarke Gruppierungen Sprachreglementierungen, mit denen der Gebrauch bestimmter Worte und Redewendungen geächtet und ‚Political Correctness‘ als Vehikel für die Durchsetzung politischer Interessen genutzt werden soll.“ – Übergehen wir die spannende Frage, wer wohl diese meinungsstarken Gruppierungen sein mögen, da sie doch offensichtlich nicht mit den Studierenden zusammenfallen und mindestens die Bösartigkeit der virulenten Homolobby erreichen dürften. Übersehen wir großzügig die Bemerkung, der Zusammenhang von Sprache und Denken beziehungsweise Denken und Handeln, sei bloß eine Annahme. Lassen wir auch das Faszinosum beiseite, dass die „studentischen Aktivisten“ die „Political Correctness“ selbst definiert haben, was ihr jede Legitimation entzieht, während der Duden sie als eine Haltung definiert, die irgendwie mit einer bestimmten Öffentlichkeit zu tun hat, während sie „in gleicher Weise“ sowieso viel älter sei, weswegen die Studierenden sowieso keinerlei Anspruch auf das haben, was sie selbst definiert haben. Es liegt aber wohl auf der Hand, was der Deutsche Hochschulverband mit der Sprachreglementierung und dem Ächten bestimmter Wörter und Redewendungen meint. Es ist tatsächlich an der Zeit, diese linksextreme Bedrohung ernst zu nehmen, den Tugendterror studentischer Aktivisten zu beenden und diese praktischer Arbeit zuzuführen, um diese Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden. Schließlich wollen wir doch niemanden in seiner ideologischen Komfortzone stören. Und Wucherung, das sind doch sowieso immer die anderen.

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Erziehung zum altersgerechten Hass

Kennt Ihr schon die neuste wissenschaftliche Methode von ganz rechts außen? Natürlich tut Ihr das: mit den „alternativen Fakten“ kommt die „alternative Wissenschaft“ – da nämlich zu wenig ernsthafte Wissenschaftler_innen bei den grotesken Lügen der „Demo für alle“ mitmachen wollten, man also in den seriösen Institutionen der Wissenschaft mit dem nur mühsam verkleideten Hass nicht nachhaltig punkten konnte, musste man sich ein eigenes Symposium veranstalten. Nun ist die Methode, sich einfach eine eigene Institution zu basteln, damit man von Kritik nicht gestört wird, weil sowieso alle anderen doof… böse… pervers… gekauft… fremdgesteuert… moralisch verkommen… was auch immer sind, bekanntlich die wissenschaftlichste Methode schlechthin, also „schlechthin“ in der Faschosphére und angrenzenden rechten Paralleluniversen. Zur Reinhaltung der eigenen „wissenschaftlichen“ Position, also zur Abschirmung vor Kritik, ist es offenbar erforderlich, auch jenseits des „Sexualpädagogik-Symposiums“, das die rechtsextreme Bewegung „Demo für alle“ letztes Wochenende in Wiesbaden unter dem Deckmantel einer „wissenschaftlichen“ Auseinandersetzung inszeniert hat, jede Form von Kritik auf Facebook schnellstmöglich zu löschen. Da ich mich bisher zu wenig über deren pseudowissenschaftlichen Mist geäußert habe, dokumentiere ich nun meinen dortigen Kommentar, bevor er noch gelöscht wird, um den Untergang des Abendlands zu verhindern:¹

Als zur Wissenschaftstheorie forschender und gelegentlich lehrender Philosoph sei mir der Hinweis gestattet, dass Sie mit dieser Auffassung von „Wissenschaft“ bei mir keinen Schein kriegen würden. Etwas ist Wissenschaft, wenn es sich systematisch nach an Untersuchungsgegenständen methodisch gemachten Beobachtungen selbst korrigiert. Wenn es darum geht, die eigene Menschenfeindlichkeit in hübsche Sätze zu verpacken, ist es keine Wissenschaft. Zeigen Sie mir doch mal einen Fall, in dem Sie eine gegen lgbtiq-Menschen gerichtete Aussage aufgrund einer methodisch gemachten Beobachtung an lgbtiq-Menschen zu deren Gunsten revidiert haben. Was sind Ihre Methoden? Was sind Ihre Beweisstandards? Wo setzen Sie sich systematisch, methodisch und argumentativ mit Positionen auseinander, die nicht die Ihren sind? Wo ist auch nur das kleinste öffentliche „Darin haben wir uns geirrt!“? Wo ist überhaupt irgendeine „Hypothese“, die Sie erst angenommen und dann aufgegeben haben? Sie betreiben keine Wissenschaft, sondern Sie haben alles „von Anfang an“ gewusst und versuchen nun einem Cargo-Cult ähnlich Ihrer irrationalen Abneigung gegen Menschen, die nicht so sind wie Sie, ein seriöses Äußeres zu geben. Es ist aber „Wissen-schaft“, nicht „Recht-haben-wollen“. Und da ich weiß, dass auch Kollegen meines Fachs bei Ihnen herumspringen, sei ergänzt: Es ist „Philo-sophie“, nicht „Philo-doxie“ und schon gar nicht „Ortho-doxie“.

¹ Ich konnte quasi live dabei zusehen, wie Kommentare gelöscht wurden. Die Behauptungen, dass „Unbelehrbare“ (vermutlich: lgbtiq-Menschen) durch „moralischen Verfall“ „über 70 Hochkulturen“ durch „noch nie so viel []poppe[n], verhüte[n] und ab[trei]ben“ garniert mit „verharmlosender Demagogie“ zum „EXIT“[sic] getrieben hätten, während die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ein einem „päderastischen Milieu[]“ von „schwülen“ „Sexphantasien“ („Ein übles Milieu von dem sich Menschen distanzieren, die der Wissenschaft offen gegenüberstehen und die sich nicht erkenntnisresistent zeigen.“[sic]) basiere, sind freilich so hochwissenschaftlich, dass sie wohl stehenbleiben werden.

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Ich bin wirr

Kein Verständnis für Nazis (Symbolbild)

Ich schätze es ja durchaus, wenn in einer Diskussion geschickt und mit Witz von Ironie und Polemik Gebrauch gemacht wird. Leider teilen nicht alle diesen Geschmack, sondern einige gehen der verführerischen Rede vom besseren Argument vollkommen auf den Leim, da sie weder wissen, was ein Argument ist, noch wie Ironie oder Polemik funktionieren. Ganz besonders übel wird es aber, wenn diese in einem falsch verstandenen Meinungsfreiheitsgerede sich selbst vollkommen entpolitisieren und ihre daraus resultierende geistige Leere mit einer geradezu kleinbürgerlichen Gartenzaun-Moral kompensieren, die sie auf eine Mission schickt.

Nett zu Nazis: Wenn Du die Nazis nicht tolerierst und respektierst, wie kannst Du dann erwarten, dass sie Dich tolerieren und respektieren? Dass sie Dir nach dem Leben trachten, hast Du Dir selbst zuzuschreiben!

Auf dieser Mission scheinen sich einige Anhänger_innen der Facebook-Gruppe #ichbinhier zu befinden, womit sie sich – zumindest soweit mir ersichtlich – zum Werkzeug böswilliger Kreaturen machen lassen. Alle Fälle nämlich, in denen ich mit Vertreter_innen dieser Mission – gewissermaßen selbst ernannten Kreuzfahrer_innen der Moral – zu tun hatte, liefen darauf hinaus, dass nach einem scharfen, vielleicht sogar polemischen Kommentar gegen die blauen Faschisten ein Fan derselben eben jene Fußtruppe des freundlichen Austauschs auf den Plan rief, die sodann ausgiebig betonten, dass und wieso man bitte schön nett zu Nazis sein müsse. Wer aber glaubt, dass man nett zu Nazis sein müsse, hat meiner Ansicht nach jeden moralischen Kompass verloren und sollte sich was schämen. Ich habe daher für die Anhänger_innen, die immer hier sind, um Nazis zu verteidigen, eine neue Regel eingeführt: Ich blocke sie sofort.

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Surveillance Studies Publikationspreis 2017 für die „Spuren des Tötens“

Mein letztes Jahr zum Drohnenkrieg erschienener Artikel „Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg“ ist mit dem Surveillance Studies Publikationspreis 2017 ausgezeichnet worden. Der Preis ist dieses Jahr zweimal vergeben worden – neben mir noch an Max Gedig (München) für seinen noch unveröffentlichten Artikel „›Fighting an invisible man.‹ Infiltration and its Effects on the Black Panther Party“. Der ebenfalls vergebene Surveillance Studies Journalist_innenpreis ging an die Wiener Journalistin Sarah Kriesche für ihre Hörfunk-Reportage „Zeitreise Überwachung“ [Link]. Sowohl Sarah Kriesche als auch Max Gedig haben den Blick der Historiker_in gewählt, der für das Problem der Überwachung, das allzu oft noch immer als eine ›zukünftige Dystopie‹ erscheint, viel zu selten eingenommen wird.

Ich selbst lobe mich natürlich nicht, sondern lasse Euch selbst lesen, was ich da verbrochen habe:

  • Denker, Kai: „Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg“ Jahrbuch für Technikphilosophie 2 (2016), S. 123–145. [PDF] [Link]
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Das böse Spiegel-Universum aus Star Trek

Ich sehe mich dazu veranlasst, die neue US-Regierung und ihren Pressesprecher in Schutz zu nehmen. Es gibt nämlich sehr wohl Bedingungen, unter denen es möglich ist, sinnvoll von alternativen Fakten zu sprechen. Die Kritik, die darauf zielt, dass Fakten sich auf die Realität beziehen, also wahre Sachverhalte zwischen dieser und der Sprache vermitteln, ist vollkommen richtig. Die Annahme, dass es aber nur eine Realität gibt, muss zusätzlich getroffen werden. Lässt man diese Annahme weg, erhält man grob gesprochen zwei Möglichkeiten: Erstens ist es denkbar, dass jeder Mensch sich eine eigene Realität konstruiert, was auf eine radikal konstruktivistische Position hinauslaufen würde und jede Verständigung mit anderen Menschen auch über die einfachsten Sachverhalte zu einem völligen Rätsel machen würde. Zweitens ist es denkbar, dass der Pressesprecher und die Regierungsberaterin, die sich auf alternative Fakten beziehen, auf eine gemeinsame zweite Realität beziehen, die neben der Realität, die anscheinend von allen anderen geteilt wird, besteht.

Es bietet sich vielleicht an, einmal diese zweite Möglichkeit zu verfolgen, da sie es uns erspart, den gemeinsamen Handlungs- und Lebensraum der Menschen mittels einer komplexen Theorie wiederherzustellen oder aber die genannten Sprecher_innen kurzerhand für verrückt zu erklären. Angesichts der modernen Physik und der unzähligen Science-Fiction-Geschichten fällt es uns nicht mehr schwer, an die Existenz alternativer Realitäten zu glauben. Tatsächlich liegt eine solche Vorstellung einer alternativen Realität bereits zumindest teilweise ausgearbeitet vor: Es ist das böse Spiegel-Universum aus Star Trek. In diesem Universum kommt es bekanntlich nicht zur Gründung der Föderation der Planeten, sondern ein von der Erde ausgehendes Imperium integriert andere Spezies als Sklaven in seine Gesellschaft. In den Geschichten treten die uns vertrauten Charaktere auf, aber stets unter anderen Vorzeichen, sodass böse erscheint, wer in unserem eigenen Universum als gut erscheint, womit die Science-Fiction-Geschichte sich die Möglichkeit eröffnet, eine Lust am Bösen zu inszenieren und die Voraussetzungen des eigenen Gut-Seins zu reflektieren. Sind die Charaktere aus Star Trek, wie sie regulär auftreten, an eine aus unserer Sicht positive Moral gebunden, inszenieren die Charaktere aus dem Spiegel-Universum eine Anti-Moral, sind also nicht einfach amoralisch oder unmoralisch, sondern alternativ-moralisch. Uns braucht bei dieser Perspektive nicht schwindelig zu werden, solange wir uns darauf beschränken, zu verstehen, dass derjenige, der von alternativen Fakten spricht, auch von einer alternativen Moral sprechen muss.

Natürlich tut auch dies hier nichts zur Sache, denn die eigentliche Folgerung, zu der uns der Verweis auf die Science-Fiction zwingt, ist, dass die gesamte US-Administration sich leicht als Versuch einer Invasion durch das böse Spiegel-Universum verstehen lässt. Nicht ohne Grund inszeniert Star Trek gerne alternative Realitäten oder fremde Welten oder manipulierte Vergangenheiten, in denen der Faschismus nicht besiegt wurde. Die genannte Folgerung hilft uns vielleicht auch dabei, zu erklären, wie wir in dieses Fiasko hineingeraten konnten.

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